Kritik zu Die Poesie des Unendlichen

© Wild Bunch

2015
Original-Titel: 
The Man who knew Infinity
Filmstart in Deutschland: 
12.05.2016
Sch: 
L: 
114 Min
FSK: 
Ohne Angabe

In dieser Filmbiografie wird mit dem indischen Mathematikgenie Srinivasa Ramanujan ein noch weithin unbekanntes schwieriges Schicksal gewürdigt

Bewertung: 2
Leserbewertung
2
2 (Stimmen: 1)

Die außergewöhnliche Lebensgeschichte des aus Madras stammenden Mathematikgenies Srinivasa Ramanujan scheint nur darauf gewartet zu haben, endlich erzählt zu werden. Der junge Mann, der keine reguläre akademische Ausbildung durchlaufen hatte, suchte brieflichen Austausch mit europäischen Mathematikern, um ihnen seine Formeln vorzustellen. Mathematikprofessor G. H. Hardy war von Ramanujans unkonventionellen Arbeiten so begeistert, dass er ihn 1914 dazu brachte, an das Trinity College in Cambridge zu kommen. Während ihrer fünfjährigen Zusammenarbeit wurde der Quereinsteiger u. a. als erster Inder zum »Fellow of the Royal Society« gewählt. 1919 ging er zurück nach Indien, wo er 1920 mit nur 33 Jahren starb.

Doch schon in den ersten Filmminuten kommt angesichts der diffusen Schilderung seines indischen Privatlebens Misstrauen auf. Da gibt es Obdachlosigkeit und Armut, eine junge Ehefrau, die leise klagt, dass ihm Zahlen wichtiger als Menschen seien, eine eifersüchtige Mutter und ein verzweifeltes Antichambrieren um eine Stelle als Buchhalter bei der britischen Kolonialverwaltung. Ein Klick zu Wikipedia genügt jedoch, um zu erfahren, dass, anders als es der Film suggeriert, Ramanujan für ein miserabilistisches »Slumdog-Millionär«-Klischee nicht taugt. In der Realität wurde dem Wunderkind, das aus der Kaste der Brahmanen stammte, sehr viel Förderung zuteil. Doch der Überflieger scheiterte mehrfach, u. a. auch an Universitätsexamen, weil er außer der Mathematik alle Fächer links liegen ließ.

Dieses Muster scheint sich im rauen Albion fortgesetzt zu haben, obwohl der Film eine einfachere Gleichung aufmacht. Danach waren vor allem das englische Wetter, das zu Tuberkulose führte, das englische Essen, das den Vegetarier zum Hungerleider machte, und der englische Rassismus schuld daran, dass das Genie fast wahnsinnig wurde. Dem entgegen steht die Schilderung des wissenschaftlichen Disputs mit Mentor Hardy, der den akademischen Außenseiter mit dem Riesenego mit der Forderung quält, endlich die Disziplin für eine Beweisführung für seine intuitiven Rechnungen aufzubringen. »Gott braucht keine Beweise!«, so das lässige Mantra des Zahlenkünstlers. Darauf aufbauend wird ein Nebenkriegsschauplatz zwischen dem Atheismus des Engländers und der tiefen Religiosität des Inders aufgemacht. Letztere aber, so ist bei Hardy nachzulesen, wurde von Biografen ziemlich übertrieben.

So erscheint der geniale, aber schwierige Mathematiker in diesem oberflächlich wohlwollenden Porträt meist als tragisch-romantisches Opfer, was von Dev Patel mit einem gewohnt nervösen Auftritt beglaubigt werden soll. Angesichts der unstimmigen Charakterskizzen – auch die kauzige Menschenscheu des von Jeremy Irons dargestellten Hardy wirkt nur behauptet – erlahmt bald das Interesse an diesen filmischen Zahlenakrobaten. Was immerhin dazu anregt, auf eigene Faust die fehlenden Details in der Lebensgeschichte dieses beautiful minds zu erforschen.

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