Kritik zu Die Poesie der Liebe

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In seinem Regiedebüt, der Chronik einer turbulenten Liebesbeziehung, überlässt der französische Medienstar Nicolas Bedos seiner Lebenspartnerin Doria Tillier den Vortritt und übernimmt selbst den Part eines eitlen Schriftstellers

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Bei der Beerdigung hält Mitterands ehemaliger Kulturminister Jack Lang die Leichenrede. Der – fiktive – Schriftsteller Victor Adelman war zweifellos ein großer. Klammheimlich reden die Trauergäste über die seltsamen Todesumstände. Der junge Autor, der am gleichen Tag Adelmans Witwe Sarah aufsucht, um Informationen für eine Biografie über Adelman zu bekommen, traut sich zwar nicht, das Thema anzusprechen. Doch Madame macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube und schenkt ihm überreichlich reinen Wein ein. In dieser in Rückblenden resümierten turbulenten Chronik einer 45-jährigen Liebesbeziehung lassen sich viele Versatzstücke anderer Paardramen, in denen der Mann seinen Ruhm dem stillen Wirken der Frau an seiner Seite verdankt, entdecken. Im Januar läuft gar eine verbitterte Variante dieser Tragikomödie an, das Literatendrama »The Wife«. Doch die französische Version ist gerade deshalb so erfrischend, weil sich die Enthüllung unbarmherziger Wahrheiten auf beide Ehepartner erstreckt. In einer rasanten Achterbahn der Gefühle zwischen rotzfrech und romantisch haben die Klischees weiblichen Märtyrertums keine Chance.

Es beginnt schon damit, dass Sarah sich 1971 in einer Bar unsterblich in den angehenden Schriftsteller Victor verliebt und wirklich alles tut, um ihn zu erobern. Sie belagert ihn per Telefon, macht sich an seinen besten Freund ran und wird die Geliebte seines Bruders. Und sie kriegt ihn, indem sie beim Weihnachtsdiner bei seinen großbourgeoisen Eltern dem Gemecker seines erzreaktionären Vaters schlagfertig Paroli bietet. »Die hat Eier!«, lobt der alte Chauvi. Ab da liegt der Mitterrand-Fan Victor Sarah zu Füßen.

Die Rollen sind von Anfang an klar verteilt: hie Zielstrebigkeit, dort Narrenfreiheit. Sarah, die scharfsinnige Literaturdoktorandin, stürzt sich wie ein Geier auf Victors Manuskript und korrigiert unaufgefordert darin herum. Als schlauer Coach erträgt sie seine weiblichen Groupies, seine Krisen und sein Selbstmitleid und genießt das durch seine Bestseller ermöglichte Wohlleben.

Nicolas Bedos, der sich in Theater, Fernsehen und als Buchautor einen Namen gemacht hat, gibt in seinem Regiedebüt ohne Scheu einen eitlen Narziss. Für seine Partnerin auch im wahren Leben, Doria Tillier, die ihre Karriere als Wetterfee begann, dürfte der Part der aparten und redegewandten Muse ihren Durchbruch bedeuten.

Wie das Filmemacherduo Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri werfen sich die beiden verbal die Bälle zu. Manche unnötigen Szenen, darunter der Schluss-Twist, werden aufgewogen durch Witze, deren Boshaftigkeit und Klarsicht einem den Glauben an die französische Komödie zurückgeben. Da wird etwa, haarscharf am Rand der Tragödie, gezeigt, mit welcher Skrupellosigkeit Autoren für eine gute Geschichte ihre Umgebung bloßstellen; wie sehr Literaten auch Hochstapler sind, die das Leid anderer ausbeuten. In diesen burlesk angerichteten Momenten beweist die Komödie einen ­Tiefgang, der manch bemühtes Drama in den Schatten stellt.

Meinung zum Thema

Kommentare

Der beste Film, den ich je gesehen habe! Die Geschichte, die Dramaturgie, die Ideen, die Schauspieler, einfach großartig, herzzerreißend, ein Film, der lange nachwirkt! Ganz großes Kino!

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