Kritik zu Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

© Neue Visionen Filmverleih

Postmodernes Wettrennen: Das Langfilmdebüt des Spaniers Aritz Moreno ist ein Stafettenlauf grotesker Erzählungen mit zuweilen hohem Ekelfaktor

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»Unsere Geschichte beginnt am nächsten Morgen«, meldet sich die Stimme des Erzählers aus dem Off, nachdem der Prolog ein rasches Ende gefunden hat. Es gab Zeiten, da bescherte ein solcher Satz dem Publikum noch ein Gefühl der Sicherheit: Einem Erzähler, der uns so zuvorkommend miteinbezieht, dürfen wir Vertrauen schenken. Bestimmt kennt er den Verlauf der folgenden Geschichte genau und kann ihr im besten Fall gar einen Sinn geben. Aber wa­rum beginnt sie erst am nächsten Morgen?

Der Prolog war schon irritierend genug. Eine Frau entdeckt bei ihrer Heimkehr, dass ihr Mann absonderliche skatologische Neigungen entwickelt hat, und liefert ihn kurzerhand in eine geschlossene Anstalt ein. Nun sitzt Helga (Pilar Castro) im Zug zurück nach Madrid. Auf dem Sitz ihr gegenüber nimmt ein soignierter Herr (Ernesto Alterio) Platz, der sich als Psychiater vorstellt und behauptet, sie am Vortag bereits in der Klinik gesehen zu haben und mit dem Fall ihres Mannes vertraut zu sein. Da bis zum Reiseziel viel Zeit totzuschlagen bleibt, bietet er ihr an, von weiteren Fällen aus seiner Praxis zu berichten. Gebannt folgt Helga seinen haarsträubenden Schilderungen. Schöpft sie wirklich keinen Verdacht angesichts der unprofessionellen Lust, mit der er von den Störungen seiner Patienten erzählt? Die Kamera indes sendet deutliche Warnsignale aus, indem sie den Arzt in mulmiger Frontalität und mit verzerrendem Weitwinkel aufnimmt. Den Gesichtern und den Worten ist nicht zu trauen in dem Film. Aber die Geschichten, die er erzählt, sind verlockend.

Wahn und Wirklichkeit liefern sich ein Wettrennen in Aritz Morenos Verfilmung des Romans von Antonio Orejudo. »Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden« steht in der Tradition der spanischen Groteske, wo sich mit jeder neuen Wendung ein weiterer Abgrund auftun kann. In der ersten Episode, die von dem entsetzlichen Handel erzählt, den eine idealistische Lazarettärztin im Kosovokrieg eingeht, klafft er erschütternd genug. Aber sie ist eingebunden in einen narrativen Stafettenlauf, dessen größte Sorge das Aushebeln der Realitätsebenen ist. Sie wiegt nicht schwerer als der Erzählstrang um einen paranoiden Müllmann (der wunderbare Luis Tosar ist unter wechselnden ­Perücken kaum zu erkennen) oder der um eine Frau, die von ihrem Mann als Hund gehalten wird – inklusive Futter, Halsband und Verbannung in den Garten. Der Endreim jedes Segments ist die Wandlung: einer Figur oder der Verhältnisse.

Moreno inszeniert das mit enormer Lust an Bizarrerie und Situationskomik. Die Zuständigkeiten der schwarzen Komödie erweitert er nicht, denn er nimmt keine moralische, sondern eine stilistische Haltung gegenüber den Schrecknissen ein. Seinen Erzählton findet er stets im launigen Kontrapunkt der jeweiligen Situation. Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden haben Elan, manchmal aber auch nur Tempo. Der titelstiftende Arzt vom Anfang mag zwar ein unsicherer Patron sein, aber er trifft das Dilemma des Films genau, als er über die Patienten sagt: »Wir fanden lauter Geschichten, aber keine Person.«

Meinung zum Thema

Kommentare

Es ist ein Film über die Lust am Erzählen von düsteren, mit schwarzem Humor garnierten Geschichten. Ob sie "wahr" sind oder "realitätsnah", spielt keine Rolle. Es geht einzig und allein um das Erzählen an sich und das Verknüpfen immer zahlreicher werdender Erzählstränge zu einem für den Zuschauer immer schwerer zu entwirrenden Knäuel. Ich habe den herausragend fotografierten und von einem glänzenden Darsteller-Ensemble getragenen Film mit großem "Vergnügen" gesehen, auch die - mit einem wunderbaren Song unterlegte - blutige Mordszene. Mit dem Ende des Films endete leider auch das "Vergnügen". Der Film wirkt nicht wirklich nach. Er hinterlässt eine Leere. Den Grund dafür nennt Gerhard Midding am Schluss seiner Kritik: lauter Geschichten, aber keine Person.

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