Kritik zu Die Nonne

© Camino Filmverleih

Guillaume Nicloux verfilmt Diderots "Skandalroman" aus dem 18. Jahrhundert in historischen Kostümen, aber so, als wär’s eine Geschichte von heute

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Suzanne leidet. Dabei ist die selbstbewusste junge Frau eigentlich immer nur ihrem eigenen Ideal von Wahrheit gefolgt. Doch die Welt um sie herum ist eine der Lügen und der Täuschungen. Das beginnt schon bei ihrer Mutter, die einst eine Affäre mit einem anderen Mann hatte und nun Suzanne, das Kind aus dieser Verbindung, für ihre Sünden büßen lässt. Die von Pauline Etienne als Frau unserer Zeit gespielte Suzanne muss ins Kloster. Nur fühlt sich die 16-Jährige nicht berufen, und so wird ihr Klosterleben zu einem Martyrium. Drei Oberinnen bestimmen Suzannes Schicksal und lassen sie verzweifeln, die erste an ihrer falschen Güte, die zweite an ihrer sadistischen Grausamkeit und die dritte an ihrer rauschhaften Wollust.
 
1966 löste Jacques Rivettes Verfilmung von Denis Diderots Roman aus dem 18. Jahrhundert noch einen Skandal aus. Seither haben sich die Zeiten geändert. Die katholische Kirche ist als Institution mittlerweile derart beschädigt, dass Diderots Schilderungen von Gewalt, Missbrauch und Gier nur das vorherrschende Bild bestätigen und ihm eine historische Dimension verleihen. Und eben dieses Moment des Historischen scheint auch den Filmemacher Guillaume Nicloux besonders angezogen zu haben.
 
Nicloux schwelgt regelrecht in den Konventionen des gehobenen Kostümfilms. Seine meist von einem leichten Grauschleier überzogenen Bilder frönen einem ganz und gar unreflektierten Historismus. Genau so stellt man sich allgemein das Ancien Régime vor, luxuriöse Interieurs, alte Schlösser und Klös­ter, die etwas Erhabenes ausstrahlen. Mal denkt man an Stanley Kubricks Barry ­Lyndon, mal an die Gemälde der niederländischen Meister und dann wieder an die Werke der Romantiker. Das alles passt zwar aus kunsthistorischer Sicht nicht zusammen, hat aber visuell durchaus seinen Reiz.
 
Nur bleibt Nicloux’  Welt aus dem Museum trotz aller Sorgfalt gänzlich leblos und aseptisch. Sie erstickt regelrecht in geschmäcklerischer Schönheit. Selbst als Suzanne von der sadistischen Mutter Oberin Christine (Louise Bourgoin) als Besessene gebrandmarkt wird und wie ein verwildertes Tier in ihrer Zelle vor sich hinvegetiert, präsentiert Nicloux deren Leiden noch in perfekt arrangierten und kadrierten Einstellungen. So wahrt er eine künstliche, den Betrachter in wohliger Sicherheit wiegende Distanz, die Pauline Etiennes Spiel, ihrer rückhaltlosen Selbstaufgabe, komplett widerspricht.
 
Nicloux will anrühren, aber keinesfalls aufrühren. Ein fader Neokonservativismus prägt den ganzen Film und gipfelt schließlich in einem dem Roman in jeder Beziehung widersprechenden Happy End. So wird der Satiriker und Aufklärer Diderot zum Anwalt eines Gesellschaftsbildes, in dem alles Übel von Frauen ausgeht, während sich die Männer zwar meist als Schwächlinge erweisen, aber es wenigstens gut meinen. Insofern überrascht es auch nicht, dass Nicloux das lesbische Begehren der von Isabelle Huppert gespielten Mutter Oberin als Geisteskrankheit inszeniert. Das passt perfekt in eine Zeit, in der Tausende Franzosen gegen gleichgeschlechtliche Ehen protestieren.Sascha Westphal

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