Kritik zu Die Farbe der Sehnsucht

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2016
Original-Titel: 
Die Farbe der Sehnsucht
Filmstart in Deutschland: 
01.06.2017
L: 
92 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Auf der Spur eines so essenziellen wie schwer greifbaren Gefühls reist Thomas Riedelsheimer zu ganz unterschiedlichen Menschen verschiedener Kontinente und lässt sie von ihren Wünschen und Träumen berichten

Bewertung: 3
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Seine bisherigen, vielfach preisgekrönten Arbeiten, etwa »Rivers and Tides« oder »Touch the Sound«, hatten oft einen einzelnen Menschen im Mittelpunkt, Künstler zumeist. Auch Thomas Riedelsheimers neuer Film »Die Farbe der Sehnsucht« por­trätiert Individuen, doch sind sie hier gewissermaßen »nur« die Ankerpunkte in einem weit abstrakteren, künstlerisch durchaus gewagten Unterfangen. Von der Sehnsucht will er erzählen, jenem menschlichen Verlangen, das sich auf die unterschiedlichsten Objekte richten kann, doch meist ebenso intensiv wie unstillbar ist. Kurz: ein Thema wie geschaffen für Emo-Kitsch und Eso-Quatsch.

Diesen Fallen entgeht Riedelsheimer souverän. In Form einer Reise zu acht Menschen in fünf Ländern nähert er sich individuellen Sehnsüchten – sei es nach Heimat, nach Geborgenheit und menschlicher Nähe, nach persönlicher Freiheit oder auch nach dem Einswerden mit etwas Gewaltigem wie dem Ozean. Seine Recherche kehrt dabei nie unter den Teppich, dass das Allgemeinmenschliche stets auch mit sozialen Umständen zu tun hat.

Zu den Worten seiner Protagonisten findet Riedelsheimer kraftvolle Bilder, vermeidet aber allzu postkartenhübsche Motive. Auch sein Montagestil ist eher unaufdringlich und von Assoziationen geleitet. Lediglich einzelne parallelisierende Passagen durchbrechen das Nacheinander von Orten und ihren Bewohnern. Besonders die Bilder aus Doha in Katar bleiben im Gedächtnis, eine Hochhauskulisse, die am Rand der Wüste aufragt wie eine Fata Morgana. In einer als Klein-Venedig gestalteten Mall gehen verschleierte Frauen shoppen, während ihre Männer vor der Stadt mit Geländewagen durch die Dünen pflügen. Dazu die Bekenntnisse von Layla, einer 40-jährigen pakistanischen Gastarbeiterin, die beim Schreiben auslebt, wovon sie in der Wirklichkeit nur träumen kann: Sinnlichkeit und Freiheit, Impulse, sich einfach Schleier und Kleider vom Leib zu reißen – unerhört mutige Aussagen in jener Umgebung.

Weitere der durchweg interessanten Porträtierten sind beispielsweise eine Mutter in einem Armenviertel Lissabons, die von ihrer Heimat Kapverden träumt, eine alternde Dichterin in Osaka, die in Altenheimen Poesiekurse anbietet und sich um Obdachlose kümmert, ein brasilianischer Taucher, den die Leidenschaft für das Meer umtreibt. Doch auch ein Münchner Abiturient sucht nach Orientierung in einer Welt, die ihm offen zu stehen scheint, aber keinen Halt bietet. Seine Sehnsucht lebt er musikalisch aus, und von ihm stammt auch die Musik zum Film – ein schöner, nur gelegentlich etwas zu gefällig dahinperlender Piano-Score.

Ebenfalls etwas beliebig poetisierend wirken einzelne Passagen des Off-Kommentars, während andere recht treffend Riedelsheimers Interpretation der Sehnsucht als Motor fassen: »Zu Hause sein. Aber wo ist das: zu Hause? Zu Hause ist dort, wo man losläuft.« Angemessen nachdenklich, ja melancholisch ist die Atmosphäre, und sogar Todessehnsucht wird zum Thema. Einer klaren Dramaturgie folgt »Die Farbe der Sehnsucht« dabei nicht. So deutet sein assoziatives Schweifen zwar immer wieder ins Ungefähre, doch das auf durchaus anregende Weise.

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