Kritik zu Die Einsamkeit der Primzahlen

© Polyfilm

2010
Original-Titel: 
La Solitudine dei Numeri Primi
Filmstart in Deutschland: 
11.08.2011
V: 
L: 
118 Min
FSK: 
12

Saverio Costanzo hat den Debütroman des 26-jährigen Paolo Giordano, der in Italien 1,5 Millionen Leser fand und in 26 Ländern verlegt wurde, in einer deutschfranzösisch- italienischen Koproduktion für das Kino adaptiert

Bewertung: 3
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Wie entsteht Einsamkeit? Vertraut man Paolo Giordanos Roman »Die Einsamkeit der Primzahlen«, dann wird dieses Gefühl schon früh in die Menschen eingepflanzt. Es ist nur ein einziger Tag in der Kindheit, an dem sich für Alice und Mattia die eigene Existenz unumkehrbar verändert. Alice verpasst den Anschluss an ihre Skischulklasse und fährt in eine Nebelbank hinein, aus der sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr herausfinden wird. Eine Gehbehinderung lässt sie nach dem Unfall in der Schule zur ewigen Außenseiterin werden. Mattia will einfach nur zu einem Kindergeburtstag, ohne dabei auf seine geistig behinderte Zwillingsschwester aufpassen zu müssen. Er platziert das Mädchen auf eine Parkbank und beschwört sie, dort sitzen zu bleiben, bis er wiederkommt. Dann vergisst er sie im Trubel der Feier. Als er in den Park kommt, ist sie verschwunden und taucht nie wieder auf. Die riesigen Schuldgefühle werden Mattia immer verfolgen.

Die doppelte Traumatisierung, die Giordano in seinem Roman an den Anfang setzt, ist der Filter, der die Wahrnehmung für die Figuren ebenso wie für die Leser bestimmt, und gleichzeitig der prägnante, sinnliche Auftakt einer Geschichte, die förmlich nach einer filmischen Adaption ruft.

Auf drei Zeitebenen – Kindheit, Jugend, junge Erwachsene – verhandelt auch Regisseur Saverio Costanzo das Schicksal von Alice und Mattia. Als die Teenager sich zum ersten Mal auf dem Schulflur im Gedränge begegnen, erkennen sie sich sofort als Seelenverwandte. Die magersüchtige Alice sieht aus, als wollte sie sich durch Hungern zum Verschwinden bringen. Mattias Unterarme sind von Narben übersät, die er sich mit Rasierklingen und Messern selbst zugefügt hat. In der täglichen Hölle des pubertären Schulalltags wird diese Jugendliebe für die versehrten Seelen zur Insel der Ruhe. Trotzdem treibt es die beiden auseinander, als sie versuchen, sich in die Normalität des Erwachsenenlebens zu integrieren.

Die Einsamkeit der Primzahlen ist eine Literaturverfilmung, die um Werktreue bemüht an ihrer Vorlage klebt und sie mit sichtbarem Übereifer ins audiovisuelle Format transformiert. Dabei verwandelt sich die kühle Präzision, mit der im Roman die Gefühle der vereinsamten Figuren beschrieben werden, auf der Leinwand (und vor allem auch auf der Tonspur) in einen melodramatischen Duktus, der oftmals nur knapp an der Kitschgrenze vorbeisegelt.

Dass die Geschichte im Kino dennoch eine gewisse Anziehungskraft entwickelt, liegt vor allem an den vier Hauptdarstellern, die Alice und Mattia als Jugendliche und Erwachsene spielen. Alba Rohrwacher gräbt sich tief hinein in das selbstzerstörerische Wesen ihrer Figur, und Luca Marinelli bietet in stoischer Selbstversunkenheit dazu den idealen Gegenpol. Ihre jugendlichen Wiedergänger Arianna Nastro und Vittorio Lomartire sind als unfreiwillige Aliens im Dschungel des Teenagerdaseins ebenfalls sehr überzeugend. Gemeinsam schaffen sie es – wenn der omnipräsente Musikscore sie mal in Ruhe lässt –, die aufrichtige Verbundenheit der traumatisierten Seelen in kleinen Gesten und Blicken äußerst wirkungsvoll zum Ausdruck zu bringen.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns