Kritik zu Die dunkle Seite des Mondes

© Alamode

In Stephan Ricks düsterem Psychothriller nach dem Bestseller von Martin Suter erlebt ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt einen Pilztrip mit unabsehbaren Folgen

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4 (Stimmen: 1)

Seit ein paar Jahren wird wieder viel über den deutschen Genrefilm diskutiert, über erfreuliche Versuche und traurige Fehlschläge. Ein Grund, warum so mancher Film scheitert, ist sicher das verkrampfte Schielen nach amerikanischen Vorbildern, bei dem die eigene Welt aus dem Blick gerät: orts- und identitätslos stolpert man von einem Versatzstück zum nächsten.

Stephan Rick und seine Koautoren haben diesen Fehler nicht begangen. Der erfahrene Fernsehregisseur, von dem unter anderem der feine kleine ARD-Thriller »Unter Nachbarn« stammt, hat seine Suter-Verfilmung »Die dunkle Seite des Mondes« trotz mancher Überhöhung stabil verankert – in der Wirklichkeit wie in mythischen Motiven. Seine deutsche Herkunft verleugnet der Film nie, und auch deshalb funktioniert er.

Es ist ein Film der Polaritäten, auch visuell: Auf der einen Seite die glatten, spiegelnden Fassaden der Frankfurter Hochhäuser, der Welt des Wirtschaftsanwalts Urs Blank, auf der anderen das Dickicht des deutschen Waldes, dunkel und voller Geheimnisse, das abgründige Reich der Seele. Hier die sterile Wohnung und repräsentative Ehe, Geschäftsabschlüsse und schicke Vernissagen mit oberflächlichem Geplänkel, dort das Unauslotbare, das so verheißungsvoll wie bedrohlich ist. Urs Blank, über weite Strecken eher verhalten gespielt von Moritz Bleibtreu, wird aus seiner Welt geschleudert, als sich ein Geschäftspartner, den er eiskalt abgezockt hat, vor seinen Augen erschießt. Zutiefst erschüttert zieht er sich in sich selbst zurück, streift durch den Wald und begegnet einer jungen Frau (Nora von Waldstätten). Mit ihr begibt er sich auf einen – in einem erschreckenden Sinne des Wortes – bewusstseinserweiternden Psilocybin-Trip. Danach brennen bei Blank immer wieder die Sicherungen durch.

Die drastischen Folgen inszeniert Rick mit Lust am Exzess, doch stärker konzentriert er sich auf den Kampf des Protagonisten mit seinem Jekyll-und-Hyde-Problem. Blank zieht sich schließlich in eine Pension im Wald zurück. Wenn ihm dort ein schwarzer Wolf zum Führer und schamanistischen Totemtier wird, fügt sich dieses durchaus grelle Motiv organisch in eine ganze Reihe von Überzeichnungen ein.

Nicht jede Wendung ist schlüssig. Höchst bemerkenswert ist jedoch die Ambivalenz, die der Film seiner Hauptfigur zugesteht: Blank wird umso sympathischer, je mehr er zum brutalen Wald- und Höhlenmenschen mutiert. Auch Jürgen Prochnow fasziniert als Firmenchef und Blanks Mephistopheles.

Vom Unbehagen in der (Unternehmens-)Kultur und Fragen um das wahre Ich – ist das Unkontrolliert-Instinkthafte zwangsläufig gewalttätig? Gewalttätiger als die kapitalistische Existenz? – erzählt »Die dunkle Seite des Mondes« in stimmungsvollen Bildern von Schattenzonen und Lichtungen. Selbstverständlich dürfen auch Anspielungen auf jenes Pink-Floyd-Album nicht fehlen, das Roman wie Film den Titel lieh, doch sie fallen fast alle sehr subtil aus, stilbewusst wie die gesamte Gestaltung. Der deutsche Genrefilm? In diesem Fall eine ziemlich runde Sache.

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