Kritik zu Die Ältern
Sönke Wortmann widmet sich der Krise eines Schriftstellers im mittleren Alter, dessen perfekt geordneter Alltag auf einmal durcheinandergerät.
Jugend in Bayern, Studium in Köln und dann eine Villa in Hamburg. Hannes (Sebastian Bezzel) hat in seinem Leben viel erreicht. Er ist Autor einer erfolgreichen Romanreihe, seine Frau Sara (Anna Schudt) ist Richterin und er versorgt die beiden fast erwachsenen Kinder hingebungsvoll. Er hat Verständnis für die schulischen Probleme seines Sohnes und sammelt ohne Vorwurf die Müslischalen unter dem Bett der Tochter ein. Am wohlsten fühlt er sich, so scheint es, hinter dem Herd, wo er seinen Kindern den ungeliebten Kohlrabi als neues Trendgemüse unter dem Namen Chou-rave verkauft.
Doch dann, und da beginnt der Film, bricht diese heile Welt überraschend zusammen. Nicht mit einem lauten Krach, sondern eher sanft und nachvollziehbar, innerhalb einer Veränderung der Familienstruktur, die Hannes einfach nicht sehen will. Es beginnt damit, dass das Abitur des Sohnes infrage steht, die Tochter ihm den Zutritt zu ihrem Zimmer verbietet und Ehefrau Sara ihre Unzufriedenheit mit der eingefahrenen Ehe deutlich zu äußern beginnt. Als dann niemand mehr mit ihm nach Italien fahren will, Frau und Tochter gemeinsam ausziehen und eine Art WG bilden, dazu sein Verlag sich weigert, eine weitere Folge seiner inzwischen ermüdenden Reihe zu drucken, verschwindet die Komfortzone, in der er es sich so lange gemütlich gemacht hatte. Auf dem getrimmten Rasen seines wunderschönen Backsteinhauses steht jetzt ein einsamer Mann, der einen neuen Lebensinhalt suchen muss. Dass er den dann schlussendlich in der Wüste findet, ist eine der unnötigen Volten, die dieser Film schlägt, in dem alles so wunderbar ordentlich und sauber, so wohlhabend und schön aussieht, dass man meint, in einem Ausstattungskatalog für eine virtuelle Realität gelandet zu sein.
Es gibt keine wirklichen Probleme, die ein paar Stunden Mathenachhilfe nicht richten könnten. Kaum ist Sara ausgezogen, trifft Hannes auf die junge, ungebundene Vanessa (Judith Bohle), die ihm eine neue Familie in Aussicht stellt. Die Männer-WG zwischen Vater und Sohn findet ihren eigenen Rhythmus und auch dem Schreiben steht seine neue Blickrichtung nicht im Wege. So sehr man sich wundert, wie sich der Film im Ganzen entwickeln soll, so vorhersehbar ist er im Detail. Vom überhöhten Trinkgeld, das der ertappte Hannes einem Taxifahrer gibt, dessen Handtuch er zuvor im Schwimmbad benutzt hat, bis zu dem Mädchenkopf, der unter der Decke des Sohnes hervorschaut, während er doch eigentlich Mathe üben sollte. Anders als in der Trilogie, die auf Wortmanns »Der Vorname« folgte (nach einer französischen Vorlage), sind die Dialoge hier flach und untertourig. Nur wenig in diesem Film hat man nicht schon selbst so oder etwas anders erlebt. Und deshalb stellt sich dringend die Frage, was uns diese Geschichte eigentlich sagen soll. Da wird ein selbstzufriedener Babyboomer etwas durchgeschüttelt, ohne dass sich dabei auch nur die Frisur in neue Formen legen würde, und stapft am Schluss frohen Mutes durch die Sahara. Wohl wissend, dass die neue Freundin nur wenige Kilometer weiter beim Nashorn wartet. Existenzielle Krisen sehen etwas anders aus.


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