Kritik zu Der Vorname

© Constantin Film

In Sönke Wortmanns Adaption einer französischen Komödie wird bei einem Abendessen mit der Enthüllung des Namens für ein noch ungeborenes Kind die Lunte für einen Flächenbrand gelegt

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Adolf-Grimme-Preis! Adiletten! Touché. Nicht jeder Adolf ist verabscheuenswürdig. Thomas, der bei einem Essen bei seiner Schwester Elisabeth und deren Mann Stephan verkündet, dass er das Kind, das seine Frau Anna erwartet, Adolf nennen werde, hat durchaus Argumente. Wenn Adolf nicht geht, dann geht auch Josef nicht, wegen Stalin. Schlagfertig rattert er weitere historisch belastete Allerweltsnamen he­runter. Doch Schwager Stephan steigert sich angesichts der Namensverkündung geradezu in Hysterie und wird immer ausfallender. Der von Adolf ausgelöste Flächenbrand greift schließlich auch auf den vierten Gast, den sanften Hausfreund René, und Thomas' Ehefrau, die schwangere Anna, über.

Diese durchtriebene Gesellschaftskomödie, in der im nicht nur verbalen Schlagabtausch die mentalen Sollbruchstellen eines gut situierten urbanen Milieus entlarvt werden, erinnert an Yasmine Rezas Bühnenstücke wie »Gott des Gemetztels« und »Kunst«. Doch der Film basiert auf einem anderen französischen Theaterstück, »Le prénom« von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, das 2010 in Paris uraufgeführt und mit riesigem Erfolg erstmals 2012 verfilmt wurde. Auch in Sönke Wortmanns Nachzügleradaption erweist sich die Vorlage als so unkaputtbar lustig und pointensicher wie ein Molière-Stück. Wortmann vollzog hie und da ein paar Änderungen: So ist die zeitliche Abfolge etwas verschoben, Anna ist keine Karrierefrau, sondern eine angehende Schauspielerin, und es gibt neben den auf den deutschen Sprachraum zugeschnittenen Adolfs (im Original war der Name ein Bezug auf Benjamin Constants Roman »Adolphe«) neue aktuelle Anspielungen.

Die geschliffenen Dialoge und die boshafte Polemik, die Abgründe zwischen hochtönender Moral und kleingeistiger Gehässigkeit, zwischen politisiertem Über-Ich und egoistischem Es, entfalten auch in der Übersetzung ihre Wirkung: Man sieht in einen Spiegel und lacht. Die vorrangige Stoßrichtung dieser hitzigen Sittenkomödie ist das linksliberale Besserwissertum von Stephan, der als Literaturprofessor ein etwas zu plattes Klischee akademischen Dünkels verkörpert. Im Dauerhahnenkampf mit Schwager Thomas, der, »ohne Abitur!«, wie Stephan schäumt, als Immobilienmakler reich wurde und in Stephans Denksystem also eher »rechts« steht, wird seine antifaschistische Rage auch als Ausdruck von Neid und narzisstischer Kränkung demaskiert. Christoph Maria Herbst spielt diesen Giftnickel mit noch größerer Aggressivität als gewohnt. Florian David Fitz als lässiger Widerpart bekommt in der zweiten Filmhälfte, in der auf das Streitthema Adolf eine weitere schockierende Enthüllung folgt, sein Fett weg. Gnädig ist diese Komödie dagegen in Bezug auf den Musiker René – Justus von Dohnányi als enervierend ausgeglichener Bonvivant – und die beiden Frauen. Die sonst klaglos funktionierende Ehefrau Elisabeth (Caroline Peters) bekommt das letzte Wort und darf in einer langen Wutrede ihren Kropf ausleeren. Schöner wurde in deutschen Komödien selten gestritten.

Meinung zum Thema

Kommentare

eine wunderbare französische komödie wurde durch einen deutschen regisseur, der den charme, esprit und die leichtigkeit des films offensichtlich nicht verstanden hat, geradezu kastriert! beim original hatte man beim zusehen das gefühl freunde vor sich zu haben die einen film zusammen drehen und sich dabei köstlich amüsieren. flüssig, gefühlvoll mit herrlichem humor. in der deutschen fassung sah man eine heterogene, angespannt auf das stichwort wartende truppe, die sich sichtlich abmühte dem ganzen gerecht zu werden und keine tragödie zu inszenieren, aber kläglich scheiterte. "deine maman" klingt eben anders als "deine mutterrrr"!

Aus einer brillianten französischen Komödie wurde eine bittere deutsche Tragödie

Eines der wenigen Konzepte, das in dritter Generation fortbesteht. Stumpfsinnige mediale Häppchen, die auf Schuldkomplexe konditioneren.

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