Kritik zu Dido Elizabeth Belle

© 20th Century Fox

Inspiriert vom berühmten Bild zweier ungleicher Cousinen, verfilmt Amma Asante das Leben einer schwarzen Adeligen im britischen Königreich im ausgehenden 18. Jahrhundert. Eine Biografie im Zerrspiegel von Privileg und Ausgrenzung, Emanzipation und Rassismus

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Eine ganze Reihe von Mainstreamfilmen beschäftigt sich derzeit mit der Geschichte der Apartheid und den Ungerechtigkeiten der Rassendiskriminierung, von der Vergangenheit bis heute. Immer häufiger werden diese Geschichten in Filmen wie Precious, The Butler, Mandela oder 12 Years a Slave nicht mehr über weiße Vermittler, sondern tatsächlich aus der Perspektive schwarzer Afrikaner erzählt, und immer häufiger auch von schwarzen Regisseuren, zu denen nun auch die Schauspielerin Amma Asante mit ihrer zweiten Regiearbeit (nach A Way of Life, 2004) gehört. Im Vergleich mit dem harten Konfrontationskurs von Steve McQueen in 12 Years a Slave erzählt sie eher leise und einfühlsam von der intimen Lebenserfahrung ihrer Heldin, in einer Zeit, in der die Grundfesten der Sklaverei in England ins Wanken gerieten.

Inspiriert ist der Film vom Bild eines unbekannten Malers aus dem 18. Jahrhundert, das zwei schöne junge Frauen zeigt, beide in erlesenen Kleidern und Posen, die eine weiß, die andere schwarz, jedoch nicht Adlige und Zofe, sondern einander schwesterlich zugetan. Als sie das Bild in ihrer kleinen ländlichen Universität entdeckte, war die Drehbuchautorin Misan Sagay von der strahlenden, selbstbewussten Präsenz der jungen Schwarzen sehr beeindruckt und umso mehr verwundert, als sie bemerkte, dass im Titel allein die weiße Elizabeth Murray genannt wurde. Die Geschichte dieser Frau zu erzählen, wurde ihr zur Herzensangelegenheit.

Dido Elizabeth Belle war die uneheliche Tochter eines Royal-Navy-Kapitäns und einer schwarzen Sklavin und wuchs zusammen mit ihrer Cousine Elizabeth Murray ­(Sarah Gadon) auf dem Landsitz ihres Onkels Lord Mansfield (Tom Wilkinson) auf, wo sie adlige Privilegien genoss, aber auch die Auswirkungen der Rassendiskriminierung zu spüren bekam. Die wenig bekannte Biografie von Belle nehmen Asante und ­Sagay als Ausgangspunkt für eine freizügig fiktive Ausgestaltung. Als Erbin des väterlichen Vermögens ist die Kino-Belle gut versorgt und sogar besser gestellt als ihre weiße Cousine. Obwohl sie im liberalen Haushalt ihres Onkels geliebt und angesehen war, ­bekam sie doch immer wieder zu spüren, dass sie niemals wirklich dazugehören würde, in den abschätzigen Blicken vieler Gäste des Hauses, aber auch wenn sie bei den Mahlzeiten nicht am Familientisch zugelassen war und alleine dinieren musste, bedient von einer schwarzen Magd. Auf subtile Weise erspürt der Film, wie sie aus der Normalität ihres Lebens herausfällt und langsam ein Bewusstsein für den alltäglichen Rassismus ihrer Zeit entwickelt, was Gugu Mbatha-Raw in vielen Nuancen von Verwunderung, Irritation, Aufbegehren und Wut aufschimmern lässt.

Zusätzlich befeuert wird dieser Prozess im Film durch die Anwesenheit des bürgerlichen Pfarrersohns John (Sam Reid). Der angehende Jurist und Assistent ihres Ziehvaters macht ihr den Hof. In einer Zeit, in der Frauen sich abgeschottet vom wirklichen Leben in Salons und Gärten mit Handarbeiten, Spaziergängen und Gesellschaftstänzen beschäftigen und bitteschön nicht denken sollten, torpediert er als leidenschaftlicher Gegner der Sklaverei die Glasglocke des höfischen Lebens mit aufrührerischem Gedankengut. So wird das intime Gesellschaftsdrama, das im erlesenen Stil von Jane Austen um Liebe und Heiratsstrategien, um Gefühl und Vernunft kreist, immer stärker mit politischer Brisanz aufgeladen. Denn die private Familiengeschichte ist mit einem historischen Skandal um ein Sklavenschiff verwoben, dessen lebende Ladung über Bord geworfen wurde, um anschließend den Verlust bei der Versicherung geltend zu machen. Der Fall kam damals vor den höchsten britischen Gerichtshof, und die Entscheidung, die Belles Ziehvater in der Sache traf, leitete das Ende der Sklaverei in England ein.

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