Kritik zu Der Verdingbub

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Ein Heimatfilm der ganz und gar ungemütlichen Art: Markus Imbodens Film über die Härten des Schweizer Bauernlebens in den 50er Jahren wurde in der Schweiz dennoch zum Kassenschlager

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Ein Schweizer Waisenhaus in den frühen 50er Jahren. Mit einem neuen Tag beginnt Markus Imbodens Film, hart, laut und erbarmungslos. Noch knallt der Stock nur an den Betten der Jungen entlang, die blitzschnell und kerzengerade danebenstehen. Dann setzt es Prügel. Erst für den Bettnässer, dann für den, der Widerworte gibt. Liebe und Geborgenheit sind hier Fremdwörter. Wie gut, könnte man meinen, hat es doch einer, der als »Verdingbub« an einen Bauern ausgeliehen wird. Obwohl der nicht nur eine billige Arbeitskraft bekommt, sondern für die karge Suppe auch noch ein Kostgeld einstreichen darf.

Anders aber sieht die Geschichte des ebenfalls an die Bauern »verdingten« Mädchens aus. Der Vater ist gestorben, die Mutter daraufhin mittellos. Ihr werden die drei Kinder weggenommen. Die zwei kleinen kommen ins Heim, die älteste als Magdersatz zu den Bauern. In die Schule dürfen diese Kinder nur, wenn die Arbeit es zulässt. Und die ist undenkbar hart.

Nicht nur in der Schweiz war Armut lange, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, ein Makel, galt als selbst verschuldet, bedingt durch Dummheit oder Faulheit. Harte Arbeit, gern auch zwangsweise, galt als bestes Mittel dagegen. Fleiß und Disziplin waren Werte, die auch die Kirche gern unterstützte. Und wenn für den Pastor ein Korb voller Würste dabei abfiel, wurde auch gern mal ein Auge zugedrückt. Selbst wenn eines der Verdingmädchen schwanger wurde oder ein Junge mit Striemen an Hals und Armen in die Schule kam. Und Schuhe durften diese Kinder ohnehin nur in der Kirche tragen. Selbst die Behörden hielten sich nicht an die bereits in den 20er Jahren eingeführten Gesetze zum Jugendschutz. Sie wollten die Kosten einfach so niedrig wie möglich halten.

Der Verdingbub nun erzählt ein individuelles Schicksal beispielhaft. Katja Riemann als strenge, selbst höchst unglückliche Bauersfrau, Stefan Kurt als ihr trunksüchtiger Mann. Obwohl ihr Sohn von der Armee zurückkommt, um zu helfen, statt Offizier zu werden, reicht es ohne die Hilfe der Verdingkinder nicht. Schlechte Ernten, die harten Winter und der Alkohol machen das karge Leben zur Qual. Und der Unmut schlägt immer wieder in offene Aggression um. Dazu kommt, dass der Sohn des Hauses Nacht für Nacht zu dem 15-jährigen Mädchen schleicht. In dem hellhörigen Bauernhaus bleibt zwar nichts verborgen, doch alle schweigen dazu. Mit dramatischen Folgen. Doch dieses Schicksal leitet endlich das Ende der Verdingkinder ein.

Markus Imboden hat viel fürs Fernsehen gearbeitet, den »Fahnder«, »Bella Block« oder »Polizeiruf 110« inszeniert, und das sieht man auch seinen Kinofilmen an. Das ist jedoch nicht unbedingt schlecht. Sein strenger Realismus zeigt viel Gespür für Atmosphäre. Die vernebelte Berglandschaft schwankt zwischen mythischer Faszination und bleischwerer Angst ums nackte Überleben. Die etwas kulissenhaften Dörfer entrücken den Film einer spezifischen Zeit. Tatsächlich hat sich die Praxis der Verdingkinder an vielen Orten noch bis in die 60er Jahre hingezogen. Und erst heute gibt es in der Schweiz Gespräche darüber, die vielfach missbrauchten Kinder zu entschädigen.

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