Kritik zu Der Schaum der Tage

© Studiocanal

2013
Original-Titel: 
L’écume des Jours
Filmstart in Deutschland: 
03.10.2013
L: 
125 Min
FSK: 
12

Die Begegnung zweier sehr einfallsreicher Fantasten: Michel Gondry verfilmt Boris Vians Kultroman des Existentialismus mit Romain Duris und Audrey Tautou in den Hauptrollen

Bewertung: 4
Leserbewertung
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Für Colin (Romain Duris) könnte es immer so weitergehen. Der Geldspeicher des jungen Mannes ist gefüllt, und sein Koch (Omar Sy) verwöhnt ihn mit kulinarischen Köstlichkeiten und guten Ratschlägen. Zwei Sonnen bescheinen seine glänzende Welt, in der schmutziges Geschirr mit einem hydraulischen Saugschlauch entsorgt und abgelaufene Schuhsolen und zerbrochene Fensterscheiben nach Bedarf nachwachsen. Die organisch-technische Symbiose dieser uterusartigen Welt ist eine Widerspiegelung narzisstischer Sorglosigkeit. Boris Vian beschrieb sie 1946 in seinem Kultroman »Der Schaum der Tage« als surreale Parodie eines verwirklichten Sozialismus. Akademiker wie der Koch Nicolas sind Underdogs, und Taugenichts Colin gibt sich aristokratischen Mußestunden mit einem »Pianocktail« hin, einem Wunderapparat, der Jazzklänge in synästhetisch passende Drinks verwandelt.

Charles Belmont lehnte sich in seiner Adaption aus dem Jahr 1968 nur oberflächlich an die Geschichte an, wurde dabei aber auch deren spezieller Atmosphäre nicht wirklich gerecht. Michel Gondry hat dagegen den Roman förmlich inhaliert und kommt Boris Vian auch stilistisch näher. In seinem US-Film Be Kind Rewind erzählte er von zwei trotteligen Videothekaren, die nach einer unbeabsichtigten Totallöschung Meilensteine der Filmgeschichte selbst nachinszenieren. Dabei entsteht unter anderem 2001: Odyssee im Weltraum in der rotierenden Waschtrommel. Mit ähnlich charmanter Pappmachee-Bilderstürmerei gelingt dem Franzosen in Der Schaum der Tage eine furiose erste halbe Stunde. Dank Audrey Tautou in der weiblichen Hauptrolle entsteht der Eindruck, als würde Die fabelhafte Welt der Amélie mit Amphetaminbeschleunigung vorüberziehen. Nostalgische »Nixieröhren« und BTX-Computerdinosaurier erzeugen ein verspieltes Retro-Techno-Design wie bei Terry Gilliams Brazil. Bilder platzen aus allen Nähten, etwa wenn ganz  nebenbei der TV-Koch aus dem Bildschirm heraus den Braten begutachtet, der noch mal in den Ofen muss. Gegen Ende, wenn Colin durch die Liebe zu seiner todkranken Frau auf dem Boden der Realität ankommt, kippt der erste Teil spiegelsymmetrisch in eine immer düsterer werdende Weltvoller kafkaesker bürokratischer Zwänge. Mit der tristen Beerdigung erzeugt Gondry schließlich die Anmutung einer endogenen Depression.

Irgendwann scheint es aber zu viel des Guten zu sein. Wer den Roman nicht gelesen, kein Ohr für Jazz und sich nicht mit »Jean-Sol Partre« befasst hat, für den rauschen die schillernden Vexierbilder bald vorüber wie Gemälde bei einem Besuch in den Uffizien, wo man nach dem 150. Meisterwerk erschöpft auf Durchzug schaltet. Erschlagen die Bilder die Geschichte? Diese Wertung wird dem implodierenden Meisterwerk nicht ganz gerecht. Obwohl sie für einen französischen Film vielleicht etwas prüde daherkommt und so manche Boshaftigkeit der Vorlage ausfiltert, könnte Gondrys Romanadaption nicht nur bei Connaisseuren der pataphysique überkurz oder lang Kultstatus erlangen.

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