Kritik zu Der Knochenmann

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Nach Komm, süsser Tod und Silentium hat Wolfgang Murnberger nun einen weiteren Wolf-Haas-Roman verfilmt. Und Josef Hader spielt wieder den Brenner. Das macht er gut

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in Krimi muss einerseits gebaut werden und andererseits geschrieben. Es gibt viele Krimis, die zwar gut gebaut, aber nicht gut geschrieben sind, oder umgekehrt. Aber wirklich gut sind Krimis erst, wenn das Geschriebene und das Gebaute zusammen noch einmal etwas Drittes ergeben. So wie in den Romanen von Wolf Haas, geschrieben und gebaut um den Ex-Polizisten und, na ja, Privatdetektiv Brenner. Alles Hölzerne und Unnatürliche, was wir bei der Sprache dieses Genres kennen und fürchten, ist bei diesem Autor verschwunden. Das ist eine Frage des Talentes und eine der Methode. Bei jedem Brenner-Roman gibt es einen Erzähler, der viel, aber natürlich nicht alles weiß, ein literarisches Subjekt, das sehr nahe am Helden, aber nicht mit ihm identisch ist. So ein poetisches Subjekt in Film zu übersetzen, ist natürlich verteufelt schwierig. Das Gut-Geschriebene ist schwieriger für den Film als das Gut-Gebaute, logisch. Die Besonderheit der Erzählstimme muss also in der Verfilmung vom Darsteller übernommen werden, und Josef Hader, der Brenner-Darsteller jetzt schon im dritten Film, macht das schon sehr gut, wenn er so schaut, wie Haas schreibt.

Trotzdem geht da natürlich etwas verloren, für das man woanders etwas gewinnen muss, sonst wäre ja die ganze Verfilmerei zwecklos. Hier ist es der Blick in das Land hinein. Bei Murnberger illustriert Österreich nicht nur einen Haas-Text, sondern umgekehrt wird Haas, der Erbauer und Erschreiber von österreichischen Kriminalromanen, zum Wegweiser in das Land.

Von der Handlung muss man nicht viel verraten. Brenner beschäftigt sich mit der Rückführung von Autos, für die die Leasing-Raten nicht bezahlt wurden und gelangt, obwohl er nichts so hasst wie dieses, aufs Land, wo er in einen mörderischen Vater/Sohn-Konflikt um ein Wirtshaus gerät, in ein Ehedrama und eine Liebesgeschichte, in die Höllen von Massentierhaltung und Massen-Menschenabspeisungen, in die Quere von Gangstern aus dem Osten und an einen wundervollen Sepp Bierbichler als Widersacher. Viele wollen nur weg da, manche wollen heim und andere wissen nicht, was sie woanders machen sollten. In der winterlichen Kälte gibt es auf den Mord einen wahrhaftigen Fingerzeig.

Wolfgang Murnberger ist ein großer Spezialist für den österreichischen Ödland-Krimi. Mit »Komm, süsser Tod« hat er im Jahr 2000 seine Reihe der Brenner-Krimis mit Josef Hader in der Hauptrolle begonnen, im Jahr 2004 folgte der zweite, »Silentium«, und beide verzeichneten allein in Österreich jeweils beinahe eine viertel Million Zuschauer. Dazwischen entstanden Fernseh-Serienbeiträge, für den »Tatort« und für die Krimi-Comedy »Vier Frauen und ein Todesfall« Es gibt da diesen Murnberger-Touch, heftig-trockener Humor, eigenwillig-getriebene Figuren, Menschen im Dauerclinch mit ihrem Milieu und ein spezielles Gefühl für die Räumlichkeit des Landes: Irgendwie scheint man hier immer entweder von den anderen in dumpfer Enge bedrängt oder von ihnen in weiträumiger Leere allein gelassen. Das Komische, das Brutale und das Philosophische sind immer nur einen Umschnitt voneinander entfernt. Das hat nur wenig mit dem zu tun, was man in Deutschland »Heimatkrimi« oder »Regionalkrimi« nennt (eine mediale Landplage, wenn Sie mich fragen), und doch mildert das Genre den kritischen Blick: Kriminalfall plus Heimat plus Komödie – es ist wohl die derzeit angenehmste und leichteste Art, sich binnenethnologischen, ökonomischen und sogar politischen Realitäten zu stellen.

»Der Knochenmann« enttäuscht da in kaum einer Minute. Es ist alles da, was man an gewissen österreichischen Filmen so schätzt: Dieser Blick für öde Orte (nirgendwo gibt es so viele öde Orte wie in diesem wunderbaren Touristikland) und dafür, dass darin echte Menschen leben und eigentlich nicht wegkönnen, obwohl sie von nichts anderem träumen, die Darstellung der Mikrophysik der Macht und der sexuellen Ökonomie, die Melancholie und die Sprachmelodie, das spannend-verschleppte Tempo, die ebenso »gewöhnlichen« wie unvergleichlichen Charaktere, die Unbekümmertheit in Fragen des guten Geschmacks ohne ein beständiges Hinweisen auf den eigenen transgressiven Mut, die unbarmherzige und illusionslose Selbstkritik einer Gesellschaft, die offenkundig nicht nur metaphorisch in den Zustand der Selbstverdauung übergegangen ist und die ihr einziges Heil in möglichst sarkastischer Selbstdarstellung findet, die Poesie, die sich zwischen Weltekel und Angefressenheit bewegt, die Beiläufigkeit, mit der man die Gewalt der Beziehungen schildert, eine Portion Wahnsinn, betontes Desinteresse an dem, was man hierzulande »politisch korrekt« nennen würde, und bei alledem die in jeder Geste, jedem Wort, jedem Blick spürbare Sehnsucht danach, aus dem Gefängnis auszubrechen, das man »Österreich«, oder »Familie« oder, warum nicht, auch »die Welt« nennen kann.

Dies alles freilich kann man sowohl als Stärke wie als Schwäche ansehen. Wie bei vielen solcher österreichischen Filme entwickelt man nämlich auch hier nach und nach den Verdacht, das Ganze könnte sich in einem endlosen Kreisen um das Abgründige in und an Österreich erschöpfen, man könne es sich schließlich in dem miefig-brutalen Milieu, das man so genüsslich seziert, doch wieder gemütlich machen, die satirische Schärfe zu sehr genießen und am Ende aus der Bosheit den Schmäh höherer Ordnung gewinnen.

Das Krimi-Genre hilft da natürlich, weil es zu einem Schluss kommen muss (früher hat man den Schluss in einem Krimi gar »Aufklärung« genannt). Krimis, so scheint es, sind in der festgefahrenen Literatur das einzige Feld, in dem sich Experimentelles und Massenkompatibles noch treffen können. Die audiovisuellen Erzählungen können derzeit womöglich davon profitieren: Vielleicht helfen solche Krimis, wenn die Verhältnisse unerträglich, die Mittel zu ihrer Darstellung aber aus verschiedenen Gründen limitiert sind.

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