Kritik zu Der Geburtstag

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Carlos Morelli erzählt vom langen, schwierigen Prozess des Vaterwerdens in Form eines stilvollen Film noir und mit Mark Waschke in der Hauptrolle eines zwiespältigen Erwachsenen

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Matthias ist kein guter Vater. Als er den Sohn von der Schule abholt, ist er mal wieder zu spät dran. Angeblich, weil er bei der Bäckerei so lange auf Lukas' Geburtstagstorte warten musste, in Wahrheit aber, weil er wie immer nicht rechtzeitig los ist. Weil tausend andere Sachen wichtiger sind als Lukas. Jener Sohn, den Matthias mit Anna hat, seiner Ex. Und der ihn, so sieht's aus, unangenehm erinnert an glücklichere Zeiten beziehungsweise an deren Gewesensein. Lukas ist für Matthias ein lästiges Stück Verantwortung, das so schnell nicht verschwinden wird aus seinem Leben, weil es an diesem Tag erst acht Jahre alt wird. Ein Mühlstein, der seiner Freiheit im Wege steht. Und Lukas spürt das natürlich. So kann kein entspanntes Vater-Sohn-Verhältnis entstehen, geschweige denn ein liebevolles. Also wird dem Mann eine Lektion erteilt.

Wobei Carlos A. Morelli, in Berlin lebender, aus Uruguay stammender Drehbuchautor und Regisseur von »Der Geburtstag«, nicht zimperlich vorgeht. Er inszeniert den familiären Konflikt nicht als graustufengeschwängertes Sozialdrama, sondern als Film noir, in gestochen scharfen, blank polierten Bildern, die den ganzen Reichtum des Kontrasts zwischen Schwarz und Weiß aufs Neue zu vermessen trachten; dazu ein jazzig-fetziger Score, Schlagschatten an den Wänden, verkantete Kamerawinkel, Wolkenbruch und Mondlicht, glänzender Asphalt. Kein Zweifel, die Sache ist ernst und so ein Versagervater nichts, was von Morelli auf die leichte Schulter genommen wird. Daher schickt er ihn, nun, nicht gerade in die Hölle, aber er macht ihm doch mächtig Feuer unterm Hintern.

Am Abend nämlich, als die lästige Geburtstagsfeierlichkeit sich dem Ende zuneigt, sitzt da ein nicht abgeholter Junge, Julius; diesen übrig Gebliebenen würde Matthias nun gern dessen Mutter zustellen wie einen Brief, nur ist das nicht so simpel, da dieselbe unauffindbar bleibt. Bald schon wähnt man sich mit ihm – genauer: mit Matthias und Julius auf ihren Kreuz-und-quer-Wegen durch die nächtliche Stadt – in einem befremdlichen Traumgespinst, das an den Rändern ins Surreale ausfranst. Schließlich aber in einen klaren regengewaschenen Morgen mündet, der von Aufbruch kündet.

Flankiert von den geboten zurückhaltend agierenden Darstellern der beiden Jungs – Finnlay Jan Berger als Julius und Kasimir Brause als Lukas – nimmt sich Mark Waschke der Vaterfigur mit seiner bekanntlich beträchtlichen schauspielerischen Kompetenz an und lässt keinen Winkel ihres Charakters gnädig unbeleuchtet. In eine zu Beginn zwischen Überforderung und Überdruss, Egoismus und Ignoranz angesiedelte Mischung lässt er schleichend Verunsicherung einfließen. Die Selbstherrlichkeit des unfehlbaren, immer gekränkten Mannes erhält Risse, durch die hindurch Waschkes Matthias den Blick zunächst eher unwillig richtet. Doch was er sieht, will er nicht auf sich sitzen lassen. So kommt es, dass der Geburtstag, der endlich doch noch begangen wird, gar ein doppelter ist und das Erwachen eines Vaters in seine Verantwortung mitfeiert.

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