Kritik zu Der ganz große Traum

© Senator

2011
Original-Titel: 
Der ganz große Traum
Filmstart in Deutschland: 
24.02.2011
Sch: 
L: 
105 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Wie der Ball nach Deutschland kam: Sebastian Groblers Regiedebüt widmet sich der Geburtsstunde der »Fußlümmelei«

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Am Anfang hält der Film den Ball noch flach. Besser gesagt, er lässt ihn gut verpackt in der Stube des frisch eingetroffenen Lehrers liegen. Konrad Koch (Daniel Brühl) hat ihn aus dem Mutterland des Fußball mit ans Braunschweiger Martino-Katharineum gebracht; ab und zu nimmt er das runde Paket in die Hand und einmal sogar mit ins Bett. Bis er ihn auspackt, vergeht eine Weile.

Es ist das Jahr 1874 und höchste Zeit, dass ein moderner Pädagoge ein neues Spielsystem etabliert. Koch soll seinen Schülern die englische Sprache vermitteln, doch die halten das für komplett überflüssig – sollte das Kaiserreich die Insel je erobern, würden ohnehin die Waffen sprechen. Auch im Kollegium wird das Engagement des Neulings kritisch beobachtet. Nur Direktor Merfeld (Burghart Klaußner) wünscht sich frischen Wind. Wenn Koch den Ball dann endlich hervorholt, um seinen widerspenstigen Eleven die Vokabeln auf spielerische Weise nahezubringen, öffnet er gewissermaßen die Büchse der Pandora.

Ein Gutteil der Faszination von Der ganz grosse Traum besteht darin, dass hier erstmals von diesem jungfräulichen Moment der deutschen Fußballgeschichte erzählt wird. Noch weiß niemand etwas anzufangen mit dem runden Leder, das so viel leichter und kleiner ist als Turnvater Jahns Medizinball. Noch muss man den Leuten erklären, was ein Tor ist und wie man es überhaupt schießt. Die Kinder tasten sich zögerlich heran an den Sinn des Spiels, in dem es gleichermaßen ums Mit- und ums Gegeneinander geht. Und die Honoratioren betrachten die »Fußlümmelei«, die »Engländerkrankheit«, als etwas Barbarisches und Subversives, das verboten gehört. So stilisiert der Film die wachsende Begeisterung von Kochs Klasse zur Protestbewegung: Fußball als liberalisierende, beinah revolutionäre Kraft, die sich gegen alles Preußische und Spießige auflehnt. Die ersten Kicker: nicht bloß wilde Kerle, sondern Partisanen!

In dramaturgischer Hinsicht orientiert sich Sebastian Groblers Kinodebüt recht schamlos an Peter Weirs Club der toten Dichter und folgt dabei der Devise »Besser gut geklaut als schlecht erfunden«. Grobler und seine Autoren nehmen sich außerdem die Freiheit, die historischen Ereignisse stark zu verdichten; der echte Koch etwa, dessen Todestag sich diesen April zum 100. Mal jährt, war gar nicht in England. Aber all dies dient dem Zweck, der Geschichte Dynamik und Leichtigkeit zu verleihen. Groblers Inszenierung ist immer flüssig und präzise, braucht keine Mätzchen. Wenn die Kamera doch einmal zu einer auffälligen Kreisfahrt ansetzt, dann um den Augenblick zu akzentuieren, in dem Klasse und Lehrer, Spieler und Trainer zu einer echten Einheit verschmelzen. Da stehen sie im Stadtpark auf der grünen Wiese, wohin sie nach der Verbannung vom Schulgelände ausgewichen sind, und praktizieren ihren Exotensport, dessen zukünftige Größe und Bedeutung hier schon spürbar wird. Den Kick selbst setzt Grobler dagegen eher verhalten und unspektakulär in Szene: Er weiß, dass zuviel Virtuosität auf dem Platz der Glaubwürdigkeit geschadet hätte, und setzt in dieser Hinsicht lieber auf ehrlichen Realismus.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns