Kritik zu Der Dieb der Worte

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Eine Kaskade der Spiegeleffekte, ein Roman über die Entstehung eines Romans. Als Schriftsteller sind Bradley Cooper und Dennis Quaid nur leidlich glaubwürdig besetzt, dennoch stellt sich der Zuschauer regelmäßig die Frage: Und was geschah dann?

Bewertung: 3
Leserbewertung
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3 (Stimmen: 1)

Ernest Hemingways kürzeste Erzählung ist zugleich seine traurigste. Sie wurde von einer Kleinanzeige inspiriert, und ihr genügen sechs Wörter, um dem Leser das Herz zu brechen: »For sale: Baby shoes, never worn.« Literaturwissenschaftler streiten mittlerweile darüber, ob sie wirklich von Hemingway stammt. Sie tauchte erst drei Jahrzehnte nach seinem Tod auf. Das in kunstvollster Reduktion geschilderte Drama ist der geheime Kern der Geschichten innerhalb von Geschichten, die in Dieb der Worte erzählt werden; seine strittige Urheberschaft führt geradewegs ins moralische Zentrum des Films.

Er beginnt mit der Lesung eines Romans namens »The Words«, den sein Autor Clay Hammond (Dennis Quaid) einem vollbesetzten Auditorium in Auszügen vorstellt. Er handelt von einem literarischen Sensationserfolg, der auf einer Lüge beruht. Während die Zuhörer ihm gebannt folgen, illustriert der Film Hammonds Worte. Der junge Schriftsteller Rory Jansen (Bradley Cooper) wird für seinen Roman »The Window Tears« ausgezeichnet. Im Regen wartet unterdessen vor seinem Hotel ein alter Mann, der im Verlauf des Films nie einen Namen erhält (Jeremy Irons). Einige Tage später spricht er den Bestsellerautor im Park an. Er kennt sein Geheimnis, denn er ist der wahre Verfasser des Buches, für das Jansen gefeiert wird. Er berichtet, wie seine Frau das Manuskript einst im Zug vergaß (auch hier steht Hemingway Pate: Seine erste Frau Hadley verlor 1922 in Paris nahezu alles, was er bis dahin geschrieben hatte), und erzählt, was ihn drängte, es zu schreiben. Der Film blendet zurück zum Ende des Zweiten Weltkriegs, als er sich in eine Französin verliebte. Die Ehe zerbrach, als ihr Neugeborenes starb. Wird der Unbekannte Rory bloßstellen?

Die Handlung kehrt die noble literarische Tradition,´einen eigenen Text als ein gefundenes Manuskript auszugeben, ins Gegenteil um. Die Koregisseure und Autoren Brian Klugman und Lee Sternthal geben sich erdenkliche Mühe, ihre Hauptfigur zu entlasten. Rory fand das Manuskript zufällig im Geheimfach einer Ledertasche, die ihm seine Frau Dora (Zoë Saldaña) schenkte. In einer Schaffenskrise tippte er es einfach ab. Dora entdeckt wiederum zufällig den Roman und beschwört ihren Mann, ihn zu veröffentlichen.

Heutzutage mag das Plagiat zwar gehörig an Ruchlosigkeit verloren haben; zumal in Hollywood, dessen geringste Sorge die Originalität ist. Aber der Stachel des Ehrenrührigen sitzt dennoch tief. Klugman und Sternthal verleihen ihrem Sujet eine nostalgische Perspektive. In der Verschachtelung der Erzählebenen stellen sie die moderne Erfahrung der nur mittelbaren Teilhabe einer Sehnsucht nach dem heroisch Ursprünglichen gegenüber, die sich in den USA in der Verehrung für die greatest generation, die Weltkriegsveteranen, zeigt. Allerdings bleiben sie dabei auch den Geschlechterbildern jener Epoche verpflichtet. Doras einziger Lebenszweck ist es, Rory eine schöne Gefährtin zu sein. Die ehrgeizige Literaturstudentin (Olivia Wilde) hingegen, die Hammond in der Rahmenhandlung umgarnt, ist womöglich eine durchtriebenere Bewunderin. Dem moralischen Konflikt ist sie freilich ebenso entbehrlich. Männer ohne Frauen: Darüber schrieb schon Hemingway ein Buch.

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