Kritik zu Das Summen der Insekten

© Film Kino Text

2009
Original-Titel: 
The Sound of Insects: Record of a Mummy
Filmstart in Deutschland: 
06.05.2010
L: 
88 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die Memoiren einer Mumie in den Bergen: Peter Liechti wagt mit seiner Literaturverfilmung über einen freiwilligen Hungertod in der Einsamkeit des Hochmoors einen eigenwilligen Grenzgang zwischen Dokumentar- und Spielfilm

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Es beginnt wie ein Fernsehkrimi. Sanitäter tragen einen schmucklosen grauen Sarg aus dem Wald. Die Off-Stimme erklärt, ein Jäger habe zufällig die mumifizierte Leiche eines Mannes gefunden. Abgeschieden von der Welt hatte sich der etwa 40-Jährige in einem improvisierten Zeltlager systematisch zu Tode gehungert. Der Unbekannte, dessen Identifizierung Probleme bereitet, hinterließ Aufzeichnungen, die sein 62 Tage währendes Martyrium dokumentieren. Das fiktive Tagebuch basiert auf einem Roman des japanischen Schriftstellers Masahiko Shimada, der sich von einer realen Begebenheit inspirieren ließ. Gemeinsam mit Shimada verfasste Peter Liechti das Drehbuch zu diesem ungewöhnlichen Grenzgang zwischen Dokumentar- und Spielfilm.

Der gebildete Unbekannte, der im Transistorradio Bach hört und Beckett liest, erscheint nie im Bild. Seine distanzierten, im Stil eines wissenschaftlichen Versuchsprotokolls verfassten Beschreibungen werden mit kargen, meditativen Bildern illustriert. In der Wiedergabe klingt das nach einer spannenden visuellen Annäherung an einen literarischen Text, die wohl nicht zufällig mit dem Europäischen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde. In der Umsetzung zeigt der Film aber leider einige Defizite. Im Gegensatz etwa zum (teilweise vergleichbaren) »Blair Witch Project«, das durch den Einsatz der subjektiven Kamera eine dramatische Entwicklung erzeugt, wirkt Liechtis Chronik eines angekündigten Fastentodes sehr statisch.

Menschenleere Naturaufnahmen, verwischte Beobachtungen von Städten sowie Negativ-Aufnahmen im Wechsel mit zurückhaltend inszenierten Szenen erzeugen ein monochromes Stimmungsbild ohne Brechungen. Der unterlegte Elektronik-Klangteppich wirkt bald nervig. Zu faszinieren vermag der Film nur dann, wenn er den Willen und die Ausdauer des Hungerkünstlers vermittelt, der in seinem selbst gewählten Exil wie Robinson dahinvegetiert.

»Das Summen der Insekten« schildert einen verzweifelten Überlebenskampf, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Die paradoxe Leidenschaft dieses Todeswunsches bleibt aber trotz geschliffener Formulierungen eine abstrakte Größe. Denn in diesem Film dominiert ein einziger, gleichbleibender Tonfall: »Mit der Zeit wird es langweilig, von früh bis spät nur ans Sterben zu denken«, notiert der Selbstmörder und erfasst damit leider auch die Stimmung des Zuschauers. Erst am 51. Tag heißt es: »Damit komme ich noch ins Guinness-Buch der Rekorde.« Doch diese leise Selbstironie bleibt eine Ausnahme in diesem Film, der daran scheitert, eine sogartige Trance zu erschaffen. Wenn wir dann noch den Sensenmann und Wolken von oben aus dem Flugzeug sehen, erschöpfen sich auch die Bilder im Klischee. Das Summen der Insekten lebt weniger von der Visualität als von seiner minuziösen verbalen Beschreibung des quälend langsam voranschreitenden körperlichen Zerfalls.

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