Kritik zu Das Glück der großen Dinge

© Pandastorm

In einer zeitgenössischen Adaption eines Romans von Henry James wird in diesem Independent-Scheidungsdrama ein kleines Mädchen zwischen den zerstrittenen Eltern und deren neuen Lebenspartnern hin- und hergerissen

Bewertung: 4
Leserbewertung
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4 (Stimmen: 1)

Ein kleines Mädchen und ein junger Mann stehen an einer belebten Straße. Der Mann hechtet vor, doch das Kind rührt sich nicht, und er kehrt zurück. Die Kleine blickt ihn mit großen Augen an und er versteht: nicht bei rot über die Ampel gehen! Mit seiner Entschuldigung wird das Eis zwischen der sechsjährigen Maisie (Onata Aprile) und Stiefvater Lincoln (Alexander Skarsgård) gebrochen. Beiläufig kristallisiert sich in der Szene die Kluft zwischen den Bedürfnissen von Erwachsenen und Kindern heraus. Es handelt sich zugleich um einen jener raren Glücksmomente in dieser ungewöhnlichen Literaturadaption: um einen Augenblick, in dem ein Großer begreift, dass er es mit einem schutzbedürftigen Wesen zu tun hat, dessen Gedeihen uncooles Verhalten wie Regeln, Verlässlichkeit und Achtsamkeit erfordert. Kunstvoll lotet der Independent-Film den Abgrund zwischen diesem besseren Wissen und dem eigentlichen Tun der Erwachsenen aus.

Die Koregisseure Scott McGehee und David Siegel verlegten den Henry-James-Roman »What Maisie knew« aus dem 19. Jahrhundert ins heutige New York, in ein stimmig gezeichnetes, arriviertes Milieu in Tribeca. Doch die Grundkonstellation bleibt gleich; es geht um ein Scheidungskind, hin- und hergezerrt zwischen vier, eigentlich fünf Personen. Mutter Susanna, eine Rocksängerin, wird von Julianne Moore als ständig unter Strom stehende Künstlerin gespielt, die sich von ihrem langjährigen Partner Beale (Steve Coogan), einem sarkastischen Kunsthändler, trennt. Die Eltern bekriegen sich permanent wegen der praktischen Details des gemeinsamen Sorgerechts. Dabei wachsen ihre ebenfalls vernachlässigten neuen Ehepartner – Maisies Kindermädchen Margo (Joanna Vanderham) und Barkeeper Lincoln (Skarsgård) – allmählich zu Maisies Ersatzeltern zusammen. Das Besondere an dieser Tragikomödie ist, dass das familiäre Karussell konsequent aus kindlicher Perspektive veranschaulicht und zum entlarvenden Spiegel erwachsener Egozentrik wird. Hier macht die Floskel von der »Augenhöhe« nicht nur dank origineller New-York-Ansichten Sinn. Wenn Maisie versunken vor sich hinmalt, wird im Hintergrund, wie bei einem gestörten Radioempfang, durch Fetzen von Streitereien, Bandproben und Telefonaten die Krise indirekt erzählt. Mittels Tricks mit der Bildschärfe wird Maisies Desorientierung noch stärker greifbar.

Gerade weil Onata Aprile kein typisches Filmkind ist, sondern als stille, manchmal tröstende Beobachterin agiert, erscheint die unbeabsichtigte Grausamkeit der Großen umso herzzerreißender. Trotzdem werden die Charaktere nie verunglimpft. So ist Susanna ein Muttermonster, optisch wunderbar durch ihr überfallartiges Anrücken im schwarzen Tourbus betont, das zugleich spürbar zwischen der Liebe zum Kind und ihrer Musikerkarriere zerrissen ist. Auch der Vater, ebenfalls meist auf Reisen, bleibt trotz seiner Ichbezogenheit ein Mensch, der irgendwie über die Runden zu kommen versucht. Doch wenn Maisies unfreiwillige Kümmerer es hinkriegen, dass die Kleine mal sorglos lacht, weiß man, was man den ganzen Film hindurch unbewusst gewünscht hat.

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