Kritik zu Das fast normale Leben

© Mindjazz Pictures

2025
Original-Titel: 
Das fast normale Leben
Filmstart in Deutschland: 
22.01.2026
L: 
135 Min
FSK: 
12

Dokumentarfilm über den Alltag in einer Mädchen­wohngruppe der Jugendhilfe

Bewertung: 3
Leserbewertung
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Auf dem aus Pappe selbst gebastelten Laptop spielt Leni manchmal Jugendamt, sagt sie – und bekommt für ihre Kreativität von der Erzieherin ein Lob. Leni zieht gerade in eine pädagogische Wohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort in Süddeutschland. Die Elfjährige ist eines von vier Mädchen dieser Gruppe, die der Dokumentarfilm von ­Stefan Sick begleitet. Dabei zeigt der Regisseur – in Zeitlupe mit rockiger Musik – Momente der Ausgelassenheit beim Auspowern im weiten Grün zwischen den modernen Bauten. Aber auch immer öfter die schwierigen Seiten, wenn sich die hilfsbedürftigen Kinder in Furien verwandeln, an die kein Argument und keine tröstende Geste mehr herankommt. Auch die Erzieherinnen scheinen von solchen emotionalen Ausnahmesituationen oft überfordert. Die Kamera ist erstaunlich nah dabei, manchmal schicken die Kinder sie aber auch weg, wenn es ihnen zu viel oder zu intim wird.

Lena, Leni, Eleyna und Lysann hatten es nicht leicht in ihrem bisherigen Leben. Ihre Eltern waren übergriffig, überfordert oder konnten aus anderen Gründen ihrer Verantwortung nicht nachkommen: Was genau da war, lässt sich nur ahnen aus ihren Besuchen in den Gremien der Jugendhilfe, bei denen die Kamera ebenfalls dabei ist. Die Mädchen jedenfalls sind tief misstrauisch gegenüber einer Welt, die sie bisher enttäuscht und herumgeschubst hat (»So ist das Leben halt, es kommt und geht, wie es will«, sagt eine). Dennoch haben alle den gleichen Traum von der Rückkehr in das elterliche Zuhause. Damit diese möglich wird, muss sich die Situation dort stabilisieren. Das gilt aber auch für die Persönlichkeiten der Kinder, die Selbstbewusstsein und Einsicht in eigene Gefühle und Verhaltensweisen gewinnen sollen. Dennoch stehen bei den pädagogischen Lagebesprechungen über den weiteren Weg der Kids neben individuellem Verständnis auch erniedrigende Fremdzuschreibungen und erwartete Anpassungsleistungen bedrückend im Raum. So kommt das insgesamt tröstliche Ende trotz der langen zwei Jahre Dreh- und über zwei Stunden Filmlaufzeit fast unvermittelt.

Meinung zum Thema

Kommentare

es gibt beim Careleaver e.V. eine Stellungnahme von drei Initiativen zu Dokumentarfilmen über das Leben in der Jugendhilfe: https://careleaver.de/?s=stellungnahme und heute zum Filmstart gibt es eine Demo in Berlin

Stefan Sick hat einen feinfühligen Dokumentarfilm aus der Perspektive der jungen Menschen produziert. Das wäre meine Kurzzusammenfassung. Der Film ist in einer unser sozial-diakonischen Einrichtungen entstanden, das sei vorausgeschickt. Aber genau dieser Ansatz war auch ein Entscheidungsfaktor, dem ein ausführlicher Prozess und eine intensive Begleitung vorausging und im Übrigen noch immer besteht, auch wenn die Dreharbeiten nun schon etliche Jahre zurückliegen. Aber genau durch diese Sichtweise ist der Film ein Plädoyer für Wertschätzung geworden. Wertschätzung für die Stärke, das Potenzial und die Willenskraft junger Menschen. Dinge, die sie entwickeln können, weil überaus empathische pädagogische Mitarbeiterinnen ihnen zur Seite stehen. Somit ist es auch ein Plädoyer für Wertschätzung dieses wichtigen Arbeitsfeldes der Sozialen Arbeit.
Dieser Ansatz, den Stefan Sick in einem YouTube-Interview auch sehr gut erklärt, ist wichtig, um den Film und seine Intention zu verstehen. Es geht nicht darum, das ganze Setting zu erklären, alle Gründe aufzudröseln und alles in Komplettheit darzustellen. Was hier bei epd vielleicht als "fehlend" kritisiert wird, fehlt eigentlich für den Regisseur nicht, weil es ihm darauf nicht ankam. Daher gibt es auch keine Sequenzen ohne zumindest eine der Protagonistinnen. Der große Wunsch hinter dem Film ist: es gibt überhaupt keinen Grund, dass sich irgendjemand stigmatisiert fühlen muss, nur weil man einmal in einem Hilfeprozess stationärer Jugendhilfe war, es gibt keinen Grund dies zu tabuisieren. Denn Stigmata und Tabus sind Elemente von Vorurteilen und Vorurteile entstehen sehr oft durch Unkenntnis. Daher ist der Film so wertvoll, weil er einen wichtigen gesellschaftlichen Impact leistet gegen Stigmatisierung.

Bei so einem sensiblen Thema wäre eine sensible Berichterstattung angemessen (wenn schon jede andere Instanz, die diese Kinder vor Öffentlichkeit hätte schützen können versagt hat).
Junge Menschen in Ausnahmesituationen als "Furien" zu bezeichnen zeugt weder von Empathie noch Fachwissen und macht noch mal deutlich, warum es diesen Film nicht geben sollte.

Filmpremiere „Das fast normale Leben“ – warum wir genauer hinschauen müssen!
Nach der Premiere des Dokumentarfilms „Das fast normale Leben“ am 13.01.2026 in Stuttgart hat mich die Rückmeldung eines Vereinsmitglieds des Careleaver e.V. erreicht, die den Film vor Ort gesehen, das anschließende Gespräch verfolgt und ein Gedächtnisprotokoll erstellt hat. Ihre Beobachtungen werfen aus meiner Sicht – als Professorin für Soziale Arbeit und Vereinsmitglied sowohl des Careleaver e.V. als auch K.I.N.D. e.V. – zentrale fachliche Fragen auf.
Der Film zeigt reale Kinder und Jugendliche in hochbelasteten, emotionalen Ausnahmesituationen: Trennungsszenen, weinende Kinder, Hilfeplangespräche. Orte, Einrichtungen und Lebensumfelder sind dabei weitgehend erkennbar. Einzelne Kinder werden über längere Strecken fast ausschließlich in Krisensituationen gezeigt. Eine fachliche Einordnung oder Kommentierung des Gezeigten erfolgt nicht.
Besonders kritisch ist die Frage der Zustimmung:
Was bedeutet Einwilligung unter strukturellen Abhängigkeitsverhältnissen?
Und wer trägt die Verantwortung dafür, dass Schutz, Folgenabschätzung und Kinderrechte ausreichend berücksichtigt werden?
Der Film wird als „Diskussionsmaterial“ präsentiert – bleibt dabei aber unkommentiert. Zuschreibungen gegenüber Kindern stehen für sich. In der anschließenden Diskussion wurden kritische Nachfragen laut Bericht kaum aufgegriffen.
Nicht alles, was real ist, darf öffentlich gezeigt werden. Und nicht jede Provokation ist automatisch Aufklärung.
Gerade bei der Darstellung von Kindern in der Jugendhilfe braucht es klare ethische Standards, fachliche Rahmung und konsequenten Kinderschutz.
Diese Debatte sollten wir führen – sachlich, offen und im Interesse der Kinder.

Hallo zusammen,
auch wenn mir die Intention des Films bewusst ist, bin ich schon unangenehm überrascht, wie wenig die Darsteller*innen des Films "geschützt" werden. In der Psychotherapie haben wir einen sicheren Raum für Kinder zu wahren. Und zwar aus gutem Grund: Es ist privat und es geht darum, Vertrauen zu fassen. Natürlich hat ein Film oder eine Dokumentation einen anderen Anspruch. Ich empfinde es trotzdem als Grenzverletzung und es erschließt sich mir nicht, warum auf Kosten der Kinder dieser Film auf diese Weise entstanden ist.
Die Serie Safe hat eindrucksvoll bewiesen, das ausreichend Authentizität entsteht, mit jungen Schauspielerinnen Szenen nachzustellen. Dies hätte ich mir auch hier gewünscht.

Mich hat der Film sehr berührt. Ich verstehe aber auch die emotionalen Reaktionen und finde jede Debatte über den Schutz von Kindern wichtig!
Eben bin ich noch auf diesen Text gestoßen, in dem die Intention des Filmemachers noch einmal dargestellt wird.

https://www.amafilm.de/dfnl/

Auch sehr lesenswert!

Ich schließe mich an: dieser Film hätte so nie veröffentlicht werden dürfen.
Alleine , dass in wesentlichen Männer in Machtposition hier vier Klient*innen zur Schau - Stellen (Regisseur| Geschäftsführer) ist Grund genug.
Bis heute wurde auch tatsächlich die einfache Frage, warum dieses Thema nicht mit Schauspieler*innen gedreht wurde, nicht stichhaltig beantwortet. Hier wurden Kinder ausgenutzt, um einen „preisverdächtigen“ Film zu drehen, der den Regisseur in die wichtigen Festivals bringt.
Das ist keine journalistische Dokumentation , sondern reinstes Dokutainment. Im Grunde Kindeswohlverletzung. Den Mädchen überhaupt zuzumuten, diese (Arbeits)-Beziehung mit dem Regisseur in so einer vulnerablen Lebenssituation einzugehen macht mich fassungslos.

Also "Dokutainment" ist für den Film begrifflich ein völliger fehlgriff. Im Gegenteil: Aus meiner Sicht handelt es sich um einen sehr wertschätzenden beobachtenden Dokumentarfilm.
Es gibt da einiges an reisserischen Formaten im TV, richtig.
Einem Dokumentarfilm-Regisseur, der den Menschen auf Augenhöhe begegnet und sie in ihren Entwicklungen und ihrer Stärke zeigt, per se eine Machtposition zu unterstellen, finde ich fragwürdig, kann man diskutieren. "Ausnutzen", um "Preise zu gewinnen"... ohne Kommentar. Bei der Kritik handelt es sich um Unterstellungen, die dem Film nicht gerecht werden.

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