Kritik zu Das fast normale Leben
Dokumentarfilm über den Alltag in einer Mädchenwohngruppe der Jugendhilfe
Auf dem aus Pappe selbst gebastelten Laptop spielt Leni manchmal Jugendamt, sagt sie – und bekommt für ihre Kreativität von der Erzieherin ein Lob. Leni zieht gerade in eine pädagogische Wohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort in Süddeutschland. Die Elfjährige ist eines von vier Mädchen dieser Gruppe, die der Dokumentarfilm von Stefan Sick begleitet. Dabei zeigt der Regisseur – in Zeitlupe mit rockiger Musik – Momente der Ausgelassenheit beim Auspowern im weiten Grün zwischen den modernen Bauten. Aber auch immer öfter die schwierigen Seiten, wenn sich die hilfsbedürftigen Kinder in Furien verwandeln, an die kein Argument und keine tröstende Geste mehr herankommt. Auch die Erzieherinnen scheinen von solchen emotionalen Ausnahmesituationen oft überfordert. Die Kamera ist erstaunlich nah dabei, manchmal schicken die Kinder sie aber auch weg, wenn es ihnen zu viel oder zu intim wird.
Lena, Leni, Eleyna und Lysann hatten es nicht leicht in ihrem bisherigen Leben. Ihre Eltern waren übergriffig, überfordert oder konnten aus anderen Gründen ihrer Verantwortung nicht nachkommen: Was genau da war, lässt sich nur ahnen aus ihren Besuchen in den Gremien der Jugendhilfe, bei denen die Kamera ebenfalls dabei ist. Die Mädchen jedenfalls sind tief misstrauisch gegenüber einer Welt, die sie bisher enttäuscht und herumgeschubst hat (»So ist das Leben halt, es kommt und geht, wie es will«, sagt eine). Dennoch haben alle den gleichen Traum von der Rückkehr in das elterliche Zuhause. Damit diese möglich wird, muss sich die Situation dort stabilisieren. Das gilt aber auch für die Persönlichkeiten der Kinder, die Selbstbewusstsein und Einsicht in eigene Gefühle und Verhaltensweisen gewinnen sollen. Dennoch stehen bei den pädagogischen Lagebesprechungen über den weiteren Weg der Kids neben individuellem Verständnis auch erniedrigende Fremdzuschreibungen und erwartete Anpassungsleistungen bedrückend im Raum. So kommt das insgesamt tröstliche Ende trotz der langen zwei Jahre Dreh- und über zwei Stunden Filmlaufzeit fast unvermittelt.






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