Kritik zu In the Darkroom

© Real Fiction

2013
Original-Titel: 
In the Darkroom
Filmstart in Deutschland: 
26.09.2013
L: 
90 Min
FSK: 
12

Er war ein Supermacho, ein Bombenleger, ein Terrorist. Warum lässt man sich mit so einem ein? Der Dokumentarfilmer Nadav Schirman erzählt die Geschichte von Magdalena Kopp, der Ehefrau von Carlos, dem »Schakal

Bewertung: 3
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Es ist schwer, dem deutschen und internationalen Terrorismus der siebziger und achtziger Jahre beizukommen. Zumal in Filmen. Uli Edel kultivierte in Der Baader Meinhof Komplex (2008) die Geste der Rebellion und ließ die politischen Aussagen der Terroristen zu Sprechblasen gerinnen. Die entscheidenden Fragen, wer waren diese Leute und wieso gerieten sie auf diesen abseitigen Weg, konnte er nur oberflächlich beantworten. Auch Illich Ramírez Sánchez in Carlos – Der Schakal (2010) von Olivier Assayas, der weitaus bessere Film, liebte die große Geste, die Pose des Revolutionärs.

Einmal geht Magdalena Kopp in In the Darkroom an einem Plakat zu diesem Film vorbei. Magdalena Kopp war die Frau von Carlos, dem meistgesuchten Terroristen der siebziger und achtziger Jahre, seit 1979 waren sie ein Paar, 1982 wurde Kopp in Frankreich verhaftet, was Carlos zu einer Reihe von Bombenanschlägen veranlasste. 1992 siedelte Kopp mit der gemeinsamen Tochter Rosa nach Venezuela über, in die ehemalige Heimat von Carlos, der 1994 verhaftet wurde. Seit 1995 lebt Kopp wieder in ihrer Geburtsstadt Neu-Ulm.

Der Dokumentarfilmer Nadav Schirman hat sich für eine Methode der Konzentration entschieden. Magdalena Kopp spricht direkt in die Kamera, sehr streng, sehr beherrscht, ohne Emotionen. Erzählt, wie sie aus der Provinz ins brodelnde Frankfurt der Post-68er kam, sich den Revolutionären Zellen anschloss, über Carlos’ rechte Hand Johannes Weinrich schließlich den Topterroristen kennenlernte. Die titelgebende Dunkelkammer steht in diesem Film für vieles. In einer Dunkelkammer
hat Carlos, der Macho, seinen ersten, für sie nicht angenehmen Annäherungsversuch unternommen, sie steht für den Beruf der Fotografin, den sie nie ausgeübt hat, und im Film entwickelt sie in der Kammer Bilder ihres Lebens. Fotos spielen eine große Rollehier, besonders eines, das Carlos, Magdalena und Rosa zusammen zeigt, ein zärtlicher Blick des Vaters auf seine Tochter, eine Erinnerung an eine Familie, die es nie wirklich gab.

Und schließlich geht es in In the Darkroom um das Bild, das Kopp von sich selbst zeichnet. Es ist das einer naiven jungen Frau, einer Befehlsempfängerin, einer Liebenden, die Opfer ihrer Beziehung wurde, die im Schlepptau lebte und auch Angst hatte vor ihrem Mann. Ihr erster eigener Entschluss scheint die Lossagung von Carlos gewesen zu sein, die Rückkehr von Venezuela nach Deutschland. Wer sich neue Aufschlüsse über diese Zeit verspricht oder spektakuläre Enthüllungen, wird enttäuscht werden. Es geht in diesem Film mehr um Lebenslegenden (und –lügen) denn um eine geschichtliche »Wahrheit«, die es ja, wie wir wissen, sowieso nicht gibt. Und der Film sät selbst Zweifel an der Stilisierung seiner Hauptfigur: in Interviews mit ihrer Schwester und mit Hans-Joachim Klein, einem ehemaligen Mitglied der Revolutionären Zellen. Der spricht, als Rosa ihn besucht, ganz offen von »Märchen« in der Biografie von Magdalena Kopp. Auch Rosa, auf der der Fokus des Films im letzten Drittel liegt, muss nach einem Besuch im Gefängnis bei ihrem Vater erkennen, dass es mehr Fragen gibt als Antworten. So bleibt vieles von der Person Magdalena in der Dunkelkammer, die ihr Leben ist.

 

 

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