Kritik zu Dame, König, As, Spion

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Die Wiedergeburt von John Le Carrés Meisterspion aus der Zeit des Kalten Kriegs: Gary Oldman tritt zusammen mit einem glänzenden Ensemble die würdige Nachfolge von Alec Guinnes und Co an

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Schenkt man dem Schriftsteller William Boyd Glauben, dann ist Großbritannien auf vier Gebieten unschlagbar: dem Cricket, der Maßschneiderei, dem Verfassen von Wörterbüchern und von Spionageromanen. Boyd versteht zumindest von Letzterem eine ganze Menge, er ist einer der kundigsten Bewunderer von John Le Carré und hat dem Genre selbst ein, zwei exzellente Beispiele hinzugefügt. Man darf ihm auch dahingehend folgen, dass die einstige Kolonialmacht auf dem Feld der Spionage zwar längst nicht mehr in der Oberliga spielt, immerhin aber etliche Verrä­ ter hervorgebracht hat, die Weltklasseniveau besitzen.

Der Maulwurf, der am Ende dieses Films enttarnt wird, rechtfertigt seinen Verrat gleichermaßen aus ästhetischen wie moralischen Beweggründen. Sein Fazit, das Unterbewusstsein einer Nation zeige sich nirgends so deutlich wie in ihrem Geheimdienst, führt den Film auf das Erzählterrain einer schwermü­tigen comedy of manners. Die Frage nach der Hierarchie der Genres stellt sich bei Le Carré ohnehin nicht mehr, er genießt längst den Ruf eines britischen Kulturguts. Zu Recht, denn wie viele Autoren haben schon die Umsicht, die klügsten Sätze ihren Schurken in den Mund zu legen?

In die Verfilmungen seiner Bücher kann man gehen wie ein Theaterbesucher, der sich die Neuinszenierung eines Klassikers von Shakespeare, Pinter oder Ayckborn anschaut. In »Dame, König, As, Spion« wird gleich die erste Einstellung den Anhänger mit Genugtuung erfüllen. Man sieht nicht mehr als eine Tür, an die geklopft und die geöffnet wird. So prosaisch darf, ja sollte eine Le-Carré-Verfilmung beginnen. Sie öffnet den Blick auf eine Welt, in der sich die Spionage im Alltäglichen erfüllt. Der Name der Londoner Geheimdienstzentrale, »Circus«, ist kein Versprechen auf spektakuläre Drahtseilakte. Sie heißt so, weil sie am Cambridge Circus liegt.

Dennoch bereitet es atemlose Spannung, den Darbietungen dieses Zirkus' zuzuschauen. Die Fallhöhe ist hoch. Der nach dem Ausscheiden seines Mentors Control geschasste George Smiley soll auf Geheiß des Kriegsministeriums herausfinden, ob es einen Maulwurf in der Führungsebene des Circus gibt. Control hatte vier Verdächtige im Visier; strenggenommen fünf, da Smiley selbst auch dazu gehörte. Er ist der Bettler im Kinderreim (Tinker, Tailor, Soldier, Sailor, Rich Man, Poor Man, Beggar Man, Thief) dem der Roman seinen Originaltitel verdankt. Dass im Deutschen daraus Spielkarten wurden, ist eine triftige Nachdichtung. Die Verdächtigen sind undurchschaubar. Den Agenten, die an der Front agieren, verleihen Mark Strong und Tom Hardy robuste Verletzlichkeit. Ben Cumberbatch ist schneidig als Smileys Assistent. Und Gary Oldman hat mit der gleichen Genauigkeit wie Alec Guinness in der Erstverfilmung begriffen, dass die Figur Smiley von der Isolation des Individuums in einer Bürokratie erzählt.

In zwei Stunden erzählt der Film eine komplizierte Geschichte, für die der TV-Mehrteiler die dreifache Zeit brauchte. Er lässt kaum etwas aus; nur die erbitterte Rivalität zwischen Control und seinem Nachfolger Percy Alleline ist auf der Strecke geblieben. Während die Fernsehfassung den Zuschauer zö­ gerlich in die Geschehnisse einweihte, ihn brüsk mit unerklärten Situationen konfrontierte, ist das Drehbuch von Bridget O'Connor und Peter Straughan ein Meisterstück ökonomischer Exposition.

Bei aller Verdichtung verliert Tomas Alfredsons Regie den atmosphärischen Detailreichtum der Vorlage nie aus den Augen. Die Produzenten von Le-Carré-Verfilmungen waren stets hellsichtig genug, keine Engländer als Regisseure zu verpflichten. Das kleine, in sich geschlossene Universum seiner Bücher braucht die Außenperspektive. Der schwedische Regisseur und sein holländischer Kameramann malen es in gedämpften, schmutzigen Farben aus. Die Geschichte, die sich in dieser Welt abspielt, ist datiert auf das Jahr 1973, eine halbe Ewigkeit vor dem Mauerfall. Das ist kein Argument gegen ihre heutige Relevanz und Zugänglichkeit. Steckt nicht das England der Gegenwart, das sich gern als Avantgarde sähe und weiterhin eitle Träume von globaler Bedeutung und Autonomie hegt, noch immer in einer Zeitkapsel, die irgendwann zwischen Weltkrieg und Suezkrise verschlossen wurde?

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