Kritik zu Crulic

© Barnsteiner Filmverleih

2011
Original-Titel: 
Crulic – drumul spre dincolo
Filmstart in Deutschland: 
16.01.2014
Musik: 
L: 
73 Min
FSK: 
6

Der Fall Crulic ereignete sich vor sieben Jahren in Polen. Die rumänische Regisseurin Anca Damian hat die Fotos von Claudiu Daniel Crulic unter Mithilfe eines beachtlichen künstlerischen Teams in einen Animationsfilm besonderer Art verwandelt

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Die Stimme ist von Anfang an da. Eine leicht nervöse, auch gleichgültig wirkende Offstimme, die stets nah am Geschehen bleibt, das sie antreibt, im Grunde erst hervorbringt. Denn sie erzählt ihre eigene Geschichte: vom Leben des rumänischen Staatsbürgers Claudiu Daniel Crulic, geboren am 18. März 1975, und vom Zeitpunkt seines Todes. Es ist eine Stimme aus dem Jenseits. Crulic starb mit 33 Jahren an den Folgen eines Hungerstreiks. Doch sie ist – paradoxerweise – noch das Lebendigste an diesem durchgehend animierten Film, dessen Hauptakteure nur in Form von Fotos zur Verfügung stehen, die sich zu einem reichlich bewegten Leben aneinanderreihen, etwa wenn sie auf der Wäscheleine hängen oder andere unglaubliche Kapriolen schlagen.

Bei Anruf: Erpressung. Wie ein Krimi à la Hitchcock beginnt der Film – aber damit ist nur der Preis (2 500 Euro) für die Überführung der sterblichen Überreste jenes Crulic gemeint. Es ist der letzte von zahllosen menschenfeindlichen Akten der polnischen Strafverfolgung, die das Leben des zugewanderten Crulic auf dem Gewissen hat. Von Gewissen kann da allerdings nicht die Rede sein, sondern von ausnahmslos fahrlässigen Entscheidungen der polnischen Justiz, in deren Fänge der unschuldige Crulic geraten war; beschuldigt nicht nur eines, sondern noch eines zweiten Diebstahls – die Geldbörse eines Richters wurde entwendet, und 500 Euro wurden abgehoben –, nur dass sich Crulic zum Tatzeitpunkt nachweislich in Italien befand.

Mit derlei Bagatellen (möchte man fast sagen) fängt die Passionsgeschichte eines unbescholtenen Bürgers in der Fremde an, der sich nach Verlängerung der Untersuchungshaft – nach drei Monaten um weitere zwei Monate – zum Hungerstreik entschloss. Als er erst einmal hinter Gittern war, erlahmte die Entscheidungsfreude der Verantwortlichen erheblich, auch der sich dem Zerfall nähernde Hungerstreikende wurde erst in der Agonie zwecks Zwangsernährung in ein richtiges Krankenhaus verlegt. Erst dort schaut den Todgeweihten ein Arztgesicht besorgt an. Zum ersten Mal ein richtiger Mensch, kein Apparatschik.

Die rumänische Filmemacherin Anca Damian malt unter Mithilfe zahlreicher Artworker und Animationskünstler das bescheidene Leben in der rumänischen Provinz in vielen überraschenden Facetten aus, bedient sich der Familienfotos, ein paar bewegter Dokumentarschnipsel, vor allem der überwiegend gemalten, mit Stopptrick in Bewegung versetzen Requisiten, Figuren, Räume und Landschaften, die sich hin und wieder zu kleinen Geschichten in Form eines Videoclips gruppieren. Über diesem ereignisreichen, ja spannenden Bilderbogen schwebt die Erzählerstimme mit jenem trockenen Humor, der solche Lebenstragik erst erzählbar macht.

Der hochpoetisch aufgeladene Film – ein Epilog auf ein armseliges, aber stolzes Leben – wird von einer Metapher gekrönt, die weit über das Einzelschicksal eines Unglücksraben hinausreicht. Wenn sich – zuletzt – das Leichentuch vom Bestellgestell wie ein fliegender Teppich hinauf in die Lüfte schwingt und über verschneite Landschaften den langen Weg zurück in die Heimat antritt, ist mehr als eine verlorene Seele unterwegs. Da liegt das ganze osteuropäische Niemandsland wüst und leer vor unseren Augen. Ein Requiem ohne Orgel und Brimborium. Eine Klage ohne Stimme.

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