Kritik zu Cotton Queen
Suzannah Mirghani entwirft eine ausdrucksstarke, von weiblichen Perspektiven geprägte Erzählung über den Sudan.
In dem sudanesischen Dorf, in dem der Film spielt, dreht sich alles um die Baumwolle. In der Eröffnungsszene sehen wir eine Gruppe junger Mädchen in luftigen Kleidern in einem Baumwollfeld stehen. Mit flinken Händen lösen sie die flauschigen weißen Flocken aus den geöffneten Kapseln der Baumwollpflanzen. Sie lachen und singen ein Lied, dessen Strophen eine kleine Geschichte variieren, wie eine junge Frau den väterlichen Rat ignoriert und in Liebesangelegenheiten ihrem eigenen Kopf folgt. Kurz darauf stehen die Mädchen unter einem Baum und schauen auf die Bildfläche eines Mobiltelefons. Eine Influencerin demonstriert in einem TikTok-Video, wie sie einen in Saft getränkten Wattebausch schluckt, um abzunehmen. Teils belustigt, teils abgestoßen von den westlichen Schlankheitstipps wenden die Mädchen sich ab. Dann baden sie im Fluss. Die Stimmung ist ausgelassen, die Schulferien haben begonnen.
Die Regisseurin Suzannah Mirghani, Tochter eines sudanesischen Vaters und einer russischen Mutter, verbrachte ihre Kindheit im Sudan. Die Magie und die atemberaubende Schönheit der Baumwollfelder hätten sie immer fasziniert. Später habe sie erkannt, wie eng der Baumwollanbau mit der britischen Kolonialherrschaft verflochten ist. Davon zeugt auch der Filmtitel. »Cotton Queen« – so hieß die Gewinnerin eines Schönheitswettbewerbs, den die englischen Kolonialherren einführten, als sie den Baumwollanbau im Sudan industrialisierten.
Cotton Queen umspannt die Erfahrungen dreier Frauengenerationen von der kolonialen Vergangenheit bis zur Gegenwart: Im Mittelpunkt steht die Coming-of-Age-Geschichte der fünfzehnjährigen Nafisa. Sie muss zwischen den Ansprüchen, die von Mutter und Großmutter an sie gestellt werden, navigieren und ihren eigenen Weg finden. Die Großmutter ist die Matriarchin der Familie. Im Dorf gilt sie als Königin der Baumwolle, denn sie handelt mit der wertvollen Naturfaser. In ihrer Jugend musste sie jedoch die britische Kolonialherrschaft leidvoll erfahren. Jetzt will sie verhindern, dass die Enkelin ihr Herz an einen jungen Gemüseverkäufer verliert. Derweil möchte Nafisas Mutter die Tochter mit einem aus dem Ausland zurückgekehrten Geschäftsmann verheiraten, der die Landwirtschaft durch den Anbau gentechnisch veränderter Baumwollpflanzen umkrempeln will. Dezent spricht der Film auch das Thema der Frauenbeschneidung an, denn obwohl es seit 2020 verboten ist, haben etwa neunzig Prozent der Frauen im Sudan das grausame Ritual erlebt.
Cotton Queen ist ein ausdrucksstarkes Filmdebüt, das weibliche Perspektiven ins Zentrum rückt und gelegentlich das Faible der Regisseurin für den magischen Realismus erkennen lässt. Spielfilme aus dem Sudan sind eine Rarität. »Cotton Queen« ist der erste von einer Frau gedrehte und geschriebene sudanesische Spielfilm. Zwar musste Mirghani die Dreharbeiten wegen des Kriegsausbruchs nach Ägypten verlegen. Doch mit ihrem Film hat die Regisseurin den Sudan auf der mentalen Landkarte des westlichen Publikums eingetragen. Ihr poetischer Film denkt das Land neu, und es gelingt ihr, Lebensfreude auszustrahlen und Hoffnung zu geben.





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