Kritik zu The Circle

© Universum Film

2017
Original-Titel: 
The Circle
Filmstart in Deutschland: 
07.09.2017
Musik: 
L: 
119 Min
FSK: 
12

Informationssammelwut, totale Überwachung und schließlich Kontrolle der Politik: Die Verfilmung von Dave Eggers' dystopischem Bestseller malt den Teufel in Gestalt eines Social-Media-Unternehmens an die Wand

Bewertung: 2
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Mae (Emma Watson) kann ihr Glück kaum fassen: Eben noch saß die junge Frau in einem miefigen Großraumbüro und hörte sich die Beschwerden unzufriedener Kunden an, da reißt ein Anruf sie schlagartig in eine andere Welt. Eine Freundin hat ihr ein Vorsprechen beim »Circle« verschafft, der coolsten Firma der Welt. Der Social-Media-Gigant vereint die strahlendsten Seiten von Facebook, Google oder Apple und residiert auf einem runden Areal von erstaunlichen Ausmaßen. Die Architektur ist luftig mit viel Glas und Grünflächen, weiten Plätzen, Restaurants, Kindergärten, Bibliotheken und jeder Menge Sport- und Freizeitmöglichkeiten. Hier sind alle Mitarbeiter Freunde, und die Firma nimmt sich liebevoll ihrer an, wie sie sich auch ihrer Kunden annimmt. Um die Welt zu verbessern, versteht sich.

Die dystopischen Projektionen von Dave Eggers’ Roman »The Circle« und dessen Verfilmung in James Ponsoldts Regie gehen nicht weit über den heutigen Stand der Dinge hinaus. Sie denken lediglich die technischen Möglichkeiten einen Dreh weiter und stellen sie sich in der Hand eines populären und gänzlich hemmungslosen Monopolisten vor. Das ist wunderbarer Stoff für eine Satire, und einzelne Szenen des Films treffen die entsprechende Tonlage. Beispielsweise wenn Mae – sie hat den Job erhalten – von zwei Kollegen mit gnadenloser Freundlichkeit angehalten wird, in den Firmennetzwerken doch endlich auch Privates mitzuteilen. Das sei absolut wichtig für die Gemeinschaft – und selbstverständlich vollkommen freiwillig. Hinter dem warmherzigen »Sharing is Caring« scheint da bereits der totalitäre Slogan »Secrets are Lies« auf.

Obwohl »The Circle« anfangs glaubwürdig die Verführungskraft des Circle und seiner Ideologie evoziert, wird schnell fraglich, ob Ponsoldt mehr die Gesellschaftssatire oder die Sci-Fi-Elemente des Romans herausarbeiten wollte. Oder ging es ihm um einen Thriller? Um das Psychodrama einer beeinflussbaren jungen Frau in den Fängen einer Hightech-Sekte? »The Circle« ist all das und dabei weder Fisch noch Fleisch.

Ponsoldt, der mit Filmen wie »The Spectacular Now« sein Händchen für anrührend lebensnahes Erzählen bewiesen hat, scheint für diesen Stoff keinen klaren Fokus gefunden zu haben. Das offensichtliche Bestreben, möglichst viele Aspekte des Romans auch im Film unterzubringen, macht diesen noch plakativer und vorhersehbarer. Und die Warnung vor der schönen neuen Welt des Informationstotalitarismus trägt der Film so behäbig vor sich her, dass kaum Spannung aufkommt. Auch formal entwickelt »The Circle« trotz Visualisierung von Chats und Kommentaren in Bildüberlagerungen nur wenig Dynamik.

Die Besetzung des charismatischen Circle-Chefs Bailey mit Publikumsliebling Tom Hanks ist zwar im Ansatz keine schlechte Idee, auch seine Auftritte vor dem Mitarbeiterplenum entbehren nicht der Schärfe – ganz in Steve-Jobs-Manier, als Prophet und Messias in Personalunion, aber immer sympathisch lässig, mit Kaffeebecher in der Hand und Selbstironie auf den Lippen. Doch das Böse hinter der Fassade steht von Anfang an außer Frage, und wenn er sein Projekt »SeeChange« verkündet, mit diskreten Minikameras für die ganze Welt und dem Motto »Etwas zu wissen ist gut, alles zu wissen ist besser«, dann kann man sich den Jubel der Circler tatsächlich nur mit der Verblendung von Sektenmitgliedern erklären.

Wie Hanks sind die meisten Schauspieler schlicht unterfordert von ihren eindimensionalen Rollen. Am ehesten kann noch Emma Watson ein paar auch widersprüchliche Facetten zwischen Begeisterung, Betäubung und Zweifeln zeigen. Doch Ellar Coltrane (»Boyhood«) ist als Maes Exfreund und analoger Bedenkenträger Mercer schlicht uninteressant, John Boyega (»Star Wars«) als geheimnisvoller Circle-Insider völlig geheimnislos.

So lässt sich lediglich erahnen, was »The Circle« hätte werden sollen: eine abgründige Fabel über die Leichtfertigkeit, mit der wir Stück für Stück Freiheit und Selbstbestimmung aufgeben.

Meinung zum Thema

Kommentare

Erratische Charaktere, v.A. Mae, die von Watson ausdruckslos (abgesehen von "bedeutsamem" Augenbrauenheben, die Will hat damit angefangen...) heruntergespult wird, unterirdische Dialoge, plot points, die sich dem Betrachter völlig entziehen...so einen schlechten Streifen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Warum Hanks bei sowas unterschreibt, erscheint mir bizarr.

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