Kritik zu Chéri

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Stephen Frears knüpft mit seinem neuen Film, der im mondänen Paris von 1906 spielt, an die giftige Sprache und die Intrigen seiner »Gefährlichen Liebschaften« an

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Dieser Film ist wie eines der üppigen Blumenbouquets, die hier auf jeder üppigen Anrichte, auf jedem Imitat einer dorischen Säule und auf allen Schminktischen zu finden sind. Seine ganze Pracht liegt gleich ohne Rätsel offen zutage. Man kann seine Eleganz bestaunen, die sichere Hand, mit der er arrangiert wurde. Aber dahinter gibt es keine große kluge oder böse Überraschung, keine kühne Verstrickung in den Zeremonien verlogener Ehrerbietung, wie Stephen Frears sie noch so wundervoll in »Die Queen« durchexerzierte. Auch wenn Frears offensichtlich seither wieder Gefallen am elitären Auftritt und höfischen Getue gefunden hat, will sich doch dieses Mal sein Gespür für das Abgründige hinter den Etiketten nicht so richtig einstellen.

Die Lust an den Duellen ausgefeilter Wortspitzen, wie ihn die überzivilisierten Kasten der Opernabonnenten und Luftkurpatienten auszutragen wissen, ist ihm allerdings geblieben. Und tatsächlich macht es einen Heidenspaß, den Damen, die sich in die höchsten Schichten geschlafen haben, bei ihren Gefechten über unzählbares Geld und ewige Schönheit zu lauschen. Allein wie Kathy Bates als Madame Peloux ihr Kinn beim Sprechen über die hochgeschnürten Brüste recken muss, wie sie sich an die Arbeit des Hinsetzens macht, um in ihrem Wintergarten, der auch im Herbst vor Blütenpracht überzuquellen scheint, nach dem Dessert eine kräftige Zigarette zu rauchen! Den Leib zur Verdauung in die Seitenlage gebracht, die Schuhe abgelegt auf einem Hocker mit Leopardenfell, verteilt sie lustvoll ihre Sticheleien. Und wenn ihr deftiger Husten und ihr ebensolches Lachen Löcher in die Konversation reißen, ahnt man, dass auch sie eine Dame mit nicht ganz einwandfreier Vergangenheit ist.

Wie Bates also durch dieses Reich aus importierten Köstlichkeiten, Seidentapeten und Jugendstilschnörkeleien lustwandelt, das offenbart die ganze komplizierte Innenarchitektur der Pariser Oberschicht der zwanziger Jahre. Und der Frauen, die in sie hineinintrigiert oder -gehurt haben. Sie sind in »Chéri« diejenigen, die die Szenerie beherrschen. Die Männer sind verschollen, tot, häufig wechselnd. Oder so verzogen wie »Chéri« (Rupert Friend), der Sohn der Gastgeberin.

Der 19-Jährige soll bei der in die Jahre gekommenen Kurtisane Léa de Lonval (Michelle Pfeiffer), bezeichnenderweise Nounoune (Nounou heißt Tagesmutter) genannt, seine Mannwerdung proben. Doch aus der »Betreuung« werden sechs Jahre. Eine zu lange Zeit, als dass die Zweisamkeit Spiel und Oberfläche bleiben könnte. Chéri soll zur Sicherung des Wohlstandes bestmöglich mit der ebenso hübschen wie unbedarften Tochter einer Kollegin verheiratet werden. Damit war zu rechnen und doch will der Trostkauf eines gigantischen Smaragdrings Léa nicht über den Verlust des Geliebten hinwegtrösten.

Natürlich knüpft Regisseur Stephen Frears bei der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Colette an das Schema seiner »Gefährlichen Liebschaften« an. Und zwar weniger an den Mechanismus aus künstlichen Verzögerungen und unaufhaltsamen Annäherungen als an den Wechsel aus unvorsichtiger Enthemmung und bitterer Strafe. Und schließlich den Verlust der Jugend an Liebeleien, die sich in der Erinnerung in stumpfer Bedeutungslosigkeit auflösen. Michelle Pfeiffer ist die Rolle der Léa wie das Korsett auf den zarten Leib geschnürt. Doch so gut sie auch die giftgetränkte Sprache hochherrschaftlicher Zicken beherrscht, so sehr sie sich auf Haltung und vorgetäuschte Herzenskälte versteht: Das Drehbuch sieht schon bald für die ursprünglich schillernde Vita der Kurtisane nichts anderes mehr vor als stilles Leiden. An der Liebe, dem Alter, dem Egoismus des auch nach seiner Heirat fürs Vergnügen zurückdackelnden Geliebten.

Der Krieg macht der belle époque ein Ende. Von der Front kehrt Chéri zurück. Nur die Liebe seines Lebens wird er am Ende nicht überleben. Das ist die Strafe für die, die sich an ihr nur bereichern wollen. Und es ist zugleich die ultimative Menschwerdung all der Geschöpfe, die man mit ihrem elfenbeinfarbenen Teint, den henkelartig drappierten Armen und ihrer vorgetäuschten Herzenskälte leicht mit der Blumenvase auf dem Sims hätte verwechseln können.

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