Kritik zu Caótica Ana

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Eine junge Frau entdeckt die Leben, die sie schon gelebt hat, und mehr noch die Tode, die sie schon gestorben ist. Julio Medems neuer Film ist eine feministische Fabel gegen die Tyrannei des weißen Mannes

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Wie Sternberg, Hawks oder Hitchcock hat der spanische Filmautor Julio Medem einen ganz eigenen Frauentyp geschaffen, hinter dessen glasklarer Schönheit sich eine geheimnisvoll-mythische Tiefe verbirgt. Nach Emma Suarez und Paz Vega spielt jetzt Manuela Vellés die Apotheose der Medem-Frau.

Ihre Ana ist eine Eingeborene, zweifellos. Die sanfte Wildheit, auch die entwaffnende Naivität kennzeichnen sie als solche. Aber welchem Land, welchem Raum ist sie eingeboren? Als Post-Hippie-Girl ist sie in einer Höhle auf Ibiza aufgewachsen, die Tochter eines deutschen Vaters, den Matthias Habich in seiner zweiten Rolle für Medem (nach »Die Liebenden des Polarkreises«) spielt. Dieser Vater kann – wie viele der Figuren in Medems Filmen – eigentlich nur in Widersprüchen beschrieben werden: als Eremit und Hedonist, als Patriarch eines Einzelkinds und zugleich Diener seiner Tochter. Ana selbst malt, farbenfrohe Wachsbilder für Ibiza-Touristen und Höhlengemälde. Eines ihrer Höhlenkunstwerke zeigt realistisch eine Tür, die in den Fels zu führen scheint. Eine Tür der Täuschung und zugleich eine door of perception, die den Film zu perforieren scheint.

Medem-Filme, seit seinem Spielfilmdebüt »Vacas«, gleichen Träumen, die mit der Präzision eines Mathematikers ausgedacht und realisiert worden sind. Das gilt besonders für »Caótica Ana«, ein gewagtes, an Ideen überbordendes, polito-sexuelles Filmpoem. Der Titel sagt schon alles, was die Charakteristik des Films und den Charakter seiner Heldin anbelangt: Da wird das Chaos dem so artifiziell erscheinenden Namen »Ana« zugeordnet, einem Palindrom, wie es Medem – auch sein eigener Name kann vorwärts und rückwärts gelesen werden – liebt, besonders als Struktur seiner Filme.

Auf Ibiza wird Ana schließlich von der französischen Mäzenin Justine entdeckt, die von Charlotte Rampling verkörpert wird. Sie bringt Ana in ihre Künstlerresidenz nach Madrid, wo die junge Malerin ihre Kunst und ihr rätselhaftes Wesen erkunden soll. Wie Justine die junge Ana »entdeckt«, das gleicht einem Erkennen – so wie sich die Katzenfrauen wiedererkennen in Tourneurs Horrorklassiker »Cat People«. Man hat den Eindruck, als wüsste Justine, dass Ana zu einem speziellen Stamm der Amazonen gehört: nämlich zu den friedlichen Kriegerinnen des Sex.

In vielen Passagen wirkt Medems neuer Film wie ein psychedelischer Horrorfilm oder – sollte es so etwas geben – wie eine Screwball-Tragödie über die Philosophie des Geschlechterkampfs.

Wie eine Vampirin spürt Ana das geheime Dunkel in ihr selbst. Ausgelöst durch eine unglückliche Liebesgeschichte mit dem exotischen Wüstensohn Said (Nicholas Cazale) und unterstützt durch die Bekanntschaft mit Anglo, einem Hypnotiseur aus Los Angeles, dringt Ana in die Tiefe ihres Unterbewusstseins vor. Und sie entdeckt dort eine Reihe von jungen Frauen durch die Zeiten und Kontinente, die fast alle Opfer eines gewaltsamen Todes geworden sind. Allmählich wird ihr sogar klar, dass sie das Leben dieser Frauen geführt hat. Ana ist eine ewige Frau, die gegen alle Chance und alle Gewalt versucht, einen neuen Mann zu kreieren.

Julio Medem gilt als Poet des Zusammenhangs. Keiner kann so natürlich, beinahe organisch Räume und Zeiten, Mythos und Alltäglichkeit miteinander verknüpfen. Anas Hände, wenn sie erregt ist, gleichen kleinen Flügeln. Und tatsächlich erzählt Medem eine Cine-Fabel von Falken und Lerchen. Im Prolog des Films hat man einen Falken gesehen bei einer Vorführung in einem Wildgehege in Andalusien. Dem stolzen Vogel scheißt plötzlich eine vorbeifliegende Lerche auf den Kopf. Die freche Lerche wird dies mit dem Tod bezahlen. Am Ende wird dieser Anfang wiederholt: Da ist Ana, die von Madrid aus um die halbe Welt gesegelt ist, in der Wolkenkratzersuite eines US-Falken gelandet. Beim Liebesspiel defäkiert sie diesem Mr. Hawk, einem Kriegstreiber, gespielt von Gerrit Graham, ins Gesicht. Wird sie diesen sexuell-ironischen Terrorakt überleben?

Ana ist eine Eingeborene, zweifellos. Ihr Land ist das der Magie, einer besonderen Girl-Weiblichkeit, wie sie vielleicht nur das Kino beschreiben kann – als Fortsetzung der Höhlenmalerei.

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