Kritik zu Buddenbrooks

© Warner Bros. Pictures

Eine Großproduktion: Heinrich Breloer, bekannt als Spezialist für aufwendiges Fernsehen, hat nach dem Leben der Familie Thomas Manns jetzt dessen Roman »Buddenbrooks« verfilmt

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Die Theaterversion der »Buddenbrooks« ist in dieser Spielzeit fast allgegenwärtig. Die Fassung von John von Düffel aus dem Jahr 2005 hat sich zum Bühnenhit entwickelt, bekommt aber jetzt Konkurrenz durch Heinrich Breloers Verfilmung. Düffel konzentrierte sich auf die Geschwister Thomas', der die Familien- und Kaufmannstradition fortführen soll, Christian, der sich lieber im Theater und im Club als im Büro aufhält, und Tony, die sich dem Druck der Familie beugt und zweimal katastrophal endende Versorgungsehen eingeht. Die menschlichen Regungen werden dem Diktat des Geldes unterworfen, ständig wird gerechnet, bei Geschäften, Eheschließungen und Erbschaften. Düffel sagte kürzlich (»Theater heute«, epd Film 11/2008), es gehe ihm um eine »Archäologie des Familienkapitalismus «. Der Roman stecke »voller interessanter Grausamkeiten«, er sei »eine heilige Kuh, die wir nicht in Weihrauch hüllen wollten«.

An Weihrauch spart Breloer nicht, und er will auch die ganze Geschichte erzählen, nicht eine Lesart anbieten wie Düffel. Breloer nähert sich dem Roman ehrfürchtig, steckt viel Energie schon in die Rekonstruktion des historischen Ambientes, der Handelsstadt Lübeck Mitte des 19. Jahrhunderts. Immer wieder fährt und schwenkt die Kamera durch das Buddenbrook-Haus, damit man sieht, wie gut der Filmarchitekt gearbeitet hat. (Im Originalhaus in Lübeck durfte nicht gefilmt werden.) Feste werden zelebriert, Bälle, Hochzeiten, große Essen. Eine fast ununterbrochene Hintergrundmusik hüllt die Geschichte fest ein in Nostalgie. Es war, so betont die Bavaria, mit 16,2 Millionen Euro die teuerste und aufwendigste Produktion seit dem »Boot«.

Das Ziel, den Roman möglichst genau nachzuerzählen, führt dazu, die 700 Seiten des Buches im Schnellgang durcheilen zu müssen, was dennoch zweieinhalb Stunden dauert. Viele scheinbar unwichtige Szenen, vor allem Momente der Reflexion, werden verknappt oder fallen ganz weg, actionhaltige Szenen dagegen werden ausgespielt oder zusätzlich erfunden. Aber das ist gängige Praxis bei Romanverfilmungen. Wenn der Film dennoch immer wieder an Intensität gewinnt, verdankt er das den Szenen, in denen Breloer Thomas Mann vertraut und den Schauspielern. So wenn Armin Mueller-Stahl als strenger Familienpatriarch seine Tochter Tony in die Ehe mit dem Hamburger Kaufmann Grünlich hineintreibt – »eine gute Partie« – , der sich später als übler Spekulant erweist; er hat Tony nur geheiratet, um durch ihre Mitgift seinen Bankrott abzuwenden. Oder beim Streit der Brüder Thomas (Mark Waschke) und Christian (August Diehl), dem Kaufmann und dem Lebemann, deren Lebensentwürfe zu Kollisionen führen müssen.

Vor allem aber ist Jessica Schwarz als Tony das lebendige Zentrum des Films. Sie scheint von Anfang an zu wissen, dass ihr Leben aus Schmerz, Enttäuschungen und Niederlagen bestehen wird, aber sie ist die Einzige, die nie aufgibt. Hanno dagegen (Raban Bieling), der Sohn von Thomas und seiner holländischen Frau Gerda (Léa Bosco), einer leidenschaftlichen Geigerin, ist hochbegabt für die Musik, aber ungeeignet für den Kaufmannsberuf. Er wirkt hilflos, hat nicht den trotzigen, genialischen Charme, den man nach der Romanlektüre vermutet. Einmal allerdings, als Hanno am 100. Geburtstag der Firma Buddenbrook ein kleines Orchester dirigieren darf, wirkt er locker und lächelt. Thomas Mann hat Hanno drei der aufwühlendsten Kapitel gewidmet, die sich jeder Film- oder Theaterbearbeitung widersetzen: einen Tag in der Schule – eine Folge von Demütigungen; eine Stunde der Improvisation am Klavier – ein Jahrhundert später wäre aus ihm vielleicht ein Keith Jarrett geworden; der Tod durch Typhus – ein kurzer, trockener wissenschaftlicher, aber von innerer Spannung vibrierender Bericht.

Auch Breloer sieht im reinen Geschäftsdenken einen Grund für den Niedergang der Familie Buddenbrook, aber es dominiert doch das Gefühl der Tragik. Durch Düffels Theaterversion kann man, je nach Qualität der Inszenierung, eine Erkenntnis gewinnen, nach dem Film gibt man sich eher einer diffusen Trauer hin. In ihrer ganzen Widersprüchlichkeit kennenlernen kann man die Familie Buddenbrook nur im Roman.

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