Kritik zu Ana, mon amour

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Cãlin Peter Netzer (»Mutter & Sohn«) erzählt in seinem vierten Film ein weiteres Mal aus dem intimen Innern der rumänischen Gesellschaft. Diesmal steht ein studentisches Paar und dessen ­Ablösungsschwierigkeiten von den jeweiligen Eltern im Zentrum

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Das von latenter sexueller Spannung unterfütterte Sofa-Gespräch von Ana und Toma über Nietzsches Sklavenmoral und andere philosophische Themen könnte statt in Bukarest auch gut in einer deutschen WG unter Jung-GeisteswissenschaftlerInnen stattfinden. Das ließe sich jedenfalls zuerst denken. Wie sehr dies täuscht, wird deutlich, wenn der Film die beiden Studenten schon bald aus dem begrenzten intellektuellen Milieu hinaus in ihre sehr unterschiedlichen aber strukturell ähnlich funktionierenden Elternhäuser begleitet. Da wird die Szenerie schnell bis zur Unverständlichkeit fremd – als ältere Deutsche fühlt man sich am ehesten in die miefige Hypokrisie der unmittelbaren Nachkriegszeit zurückversetzt.

Ähnlich wie damals haben sich auch in Rumänien die Jahre der Diktatur und Jahrhunderte kirchlich-patriarchaler Tradition in autoritären Charakteren niedergeschlagen. Als Ana und Toma für eine Art Antrittsbesuch zu ihren Eltern aufs Dorf reisen, werden dort im Verhör erst einmal die materiellen und mentalen Verhältnisse des neuen Partners abgefragt. Dann muss der – wohl aus Gründen der Moral – das Nachtlager in der engen Stube mit dem röchelnd schnarchenden, übergewichtigen Papa teilen. Tomas bildungsbürgerliche (und vermutlich regimeaffine) Eltern versuchen dagegen, ihm mit Drohgebärden und heftig sexistischen Untertönen die Gefährdung durch die psychisch labile junge Frau an seiner Seite einzureden. Dann gehen sie sich gegenseitig an die Gurgel.

Bei der Berlinale 2013 hatte der in Deutschland aufgewachsene rumänische Regisseur Cãlin Peter Netzer den Goldenen Bären errungen für einen Film (»Mutter & Sohn«), der davon erzählt, wie eine Mutter aus der Bukarester Nomenklatura mit allen Mitteln einen schuldhaften Unfall ihres Sohnes vertuschen will. Und man kann sich gut vorstellen, Tomas übergriffige Mutter wäre direkt aus dieser Geschichte herübergesprungen in seinen neuen Film, bei dem nun die nächste Generation im Fokus steht.

Die scheint von den drastisch vorgestellten Familienbanden so beschädigt, dass sie nicht einmal mehr die Kraft hat, sich in gesunde Distanz zu retten. Doch auch die Beziehung des jungen Paares untereinander hat neben viel Zärtlichkeit (Warnung für Klaustro- und Schmatz-Kuss-Phobiker: die ersten dreißig Minuten des Films finden fast ausschließlich im Bett statt) von Anfang an schwere Schlagseite, wenn ausgerechnet ein hektischer, asthmatisch aussehender Anfall Anas fast zwanghaft in einem leidenschaftlichen Sexualakt mündet. Später scheint es auch die durch vielfältigen Missbrauch induzierte Hilfsbedürftigkeit der mädchenhaften jungen Frau, die Tomas Männlichkeit anzieht.

Der (übrigens Kettenraucher) ist anfangs fürsorglich bis zur Selbstverleugnung. Ihre Zustände schwanken zwischen kurzen Glücksmomenten, plötzlichen Angstattacken und anderen schwer einzuordnenden Zuständen der Instabilität, die sich dramatisch entwickeln, als sie auf Rat eines Arztes ein lange missbräuchlich genommenes Medikament absetzt und dann auch noch schwanger wird.

Erzählt ist das mit nervöser Handkamera und in heftigen Zeitsprüngen durch die verschiedenen Episoden der Beziehung, vom ersten Kennenlernen bis nach der Trennung (inklusive Krisen und Versöhnungen, Heirat und Kind). Denn als sie mit seiner Unterstützung eine Psychotherapie beginnt und dann mit zunehmender Gesundung auch selbstständiger und souveräner wird, führt das die Beziehung in den Abgrund.

Und bringt so auch den unter dieser neuen Stärke leidenden Toma in eine Psychoanalyse, deren Sitzungen in Rückblenden parallel zum Handlungsfortschritt erlebte und imaginierte Situationen des Paarlebens visuell aufrufen. Trotz avancierter Montage erscheint die Anlehnung des Titels an Alain Resnais' »Hiroshima, mon amour« eher unpassend. Bravourös vor allem, wie die beiden Hauptdarsteller ihre Charaktere mit Subtilität und Wandelbarkeit durch die Zeiten steuern. Zu Symphatieträgern werden sie wohl dennoch nicht.Silvia Hallensleben

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