Kritik zu 8 Mile

© Universal Pictures

Die Geschichte von »8 Mile« ist bekannt: aus dem Pop-Feuilleton, den Klatschspalten, den Songtexten seines Hauptdarstellers, des Hip-Hoppers Eminem. Sie ist selbst schon Streitfall einer Gerichtsverhandlung gewesen, die Eminems Mutter vor Jahren gegen ihren Sohn angestrengt hat

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Junger, weißer Underdog kämpft sich aus dem Trailerpark, dem »Underbelly« des weißen Amerika, nach oben, wohlgemerkt in einem afro-amerikanisch dominiertem Milieu: dem HipHop. Chuck D, Sprecher der Agit Prop-HipHop-Band Public Enemy hatte HipHop zu seiner Blütezeit in den späten achtziger Jahren mal als »CNN der schwarzen Community« bezeichnet, das war, bevor ein Rapper aus der weißen Unterschicht der erfolgreichste Hip-Hop-Künstler aller Zeiten wurde, während seine schwarzen Kollegen sich in ihren Texten vornehmlich um die Besitzstandswahrung ihrer Statussymbole kümmerten.

Eminems Authentizitätszertifikat, der autobiografische Text seiner Erzählung, hat die Zeichencodes des HipHops radikal verändert, vor allem zu Gunsten seiner weißen Fans, die vorher auch schon die größten Fans schwarzer Rapper gewesen sind. Die Identifikation einer weißen Mittelschicht – theoretisch selbst eines weißen Proletariats – mit einer so genannten »Ghetto-Kultur« ist immer schon eine problematische Transferleistung gewesen. Eminem konnte diesen Identifikationskonflikt mit seinen trotzigen White-Trash-Tiraden erstmals überbrücken und gleichzeitig ein neues, verzerrtes Identifikationsmodell etablieren. Der alte, im HipHop der späten achtziger Jahre angelegte Konflikt zwischen weißer und schwarzer Jugendkultur hat kaum noch soziale und politische Grundlagen mehr, heute ist ein nicht geringer Teil von Eminems Fans afro-amerikanischer Herkunft. Identifikation funktioniert plötzlich in beide Richtungen: die Konsequenz aus über 20 Jahren Reagan/Bush/Clinton/Bush. Eminems Erfolg und seine Akzeptanz bei einem schwarzen Publikum sind ein sicheres Zeichen dafür, dass die Prognose einer neuen amerikanischen Klassengesellschaft – nicht mehr geteilt durch die verschiedenen Ethnien, sondern entlang der Einkommens- und Bildungskluft – auch im Mainstream der Unterhaltungsindustrie Realität geworden ist.

»8 Mile« hat sich die kulturellen Umschreibungen dieses Phänomens bereits verinnerlicht, verfällt letztlich aber doch noch einmal in die alten Antagonismen. Die »8 Mile Road« trennt hier die schwarzen Ghettos von den weißen Vorstädten. Das Ghetto muss in »8 Mile« natürlich wieder schwarz sein, obwohl der afro-amerikanische Bevölkerungsanteil in Detroit längst unter dem weißen liegt. Aber dies ist wichtig für den Film, denn hier soll noch einmal Eminems Geschichte rekapituliert werden, die vom weißen Rotzbengel, der sich in der Welt der Schwarzen durchbeißt. Es ist die alte Geschichte vom »Rocky«-Mythos, die proletarische Wahnfantasie, sich das mythische Erfolgsmodell vom unterprivilegierten, schwarzen Entertainer, der es in einer ihm feindlich gesinnten Gesellschaft zu etwas bringt, selbst zu Nutze zu machen.

Für Eminem, wie auch für seinen »8 Mile«-Charakter Jimmy »Rabbit«, funktioniert diese Adaption über kulturelle Zuschreibungen. »Rabbit« und sein »schwarzer Bruder« Future sitzen vor Mutters Wohnwagen und singen auf die Melodie der Proto-White-Trash-Hymne »Sweet Home Alabama« ein verbittertes »Ich wohn'n in Muttis Trailer« – während Mutti (Kim Basinger), schon wieder besoffen, im Trailer liegt und sich eine Douglas-Sirk-Schmonzette reinzieht. Es ist diese Überaffirmation der Zeichen, die Eminem als »Role Model«, wie schon vor ihm die afro-amerikanischen Gangsta-HipHopper, so verführerisch wie auch bedenklich macht. Die angestauten White-Collar-Frustrationen bringen im Zusammenspiel mit einem überdurchschnittlich ausgeprägten Selbstvertrauen wieder nur unangenehme Nebenerscheinungen wie Misogynie, Schwulenfeindlichkeit und – schließlich – einen doppelbödigen Rassismus zum Vorschein. Da kann Eminem in der Kaffeepause noch so wortgewaltig einen schwulen Kollegen verteidigen.

Den uralten Authentizitätsanspruch des sogenannten HipHop/Ghetto-Films kann »8 Mile« allein schon durch die Anwesenheit Eminems in »seiner« Geschichte erfüllen. Fragt sich nur, ob sich dieser Anspruch darin auch schon erschöpfen kann. Wenn Regisseur Curtis Hanson seinen Film so aussehen lassen möchte wie »Unkraut, das auf dem Bürgersteig sprießt«, erwartet er offensichtlich, dass fundierte Sozialkritik nur eine Frage der richtigen Filmtechnik ist. Sein »Blue Collar Musical« ist aber insofern tatsächlich weiter als »Rocky« oder »Flashdance«, weil es erkannt hat, dass die soziale Krise nicht mehr allein kulturell überwunden werden kann. Nachdem »Rabbit« seinen letzten MC-Battle gegen seinen Erzrivalen, natürlich den bösen schwarzen Mann, gewonnen hat, packt er kurzerhand seine Klamotten zusammen und geht – zur Arbeit. 

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns