Kritik zu The Secret Agent
Brasilien, 1977. Ein Technikexperte (Wagner Moura) ist auf der Flucht vor Gangstern und landet im Karneval von Recife. Regisseur Kleber Mendonça Filho kreiert einen anspielungsreichen Genremix im Brasilien unter der Militärdiktatur
Bilder und Töne können täuschen. Zu Beginn von Kleber Mendonça Filhos Film »The Secret Agent« erklingt bewegte Sambamusik aus einem Autoradio, und historische Aufnahmen vermitteln eine ausgelassene Karnevalsstimmung. Glückliche Zeiten in Brasilien 1977? Weit gefehlt. Die Geschichte von »O Agente Secreto« spielt in einer Epoche großen Leids, lautet eine eingeblendete Botschaft des 56-jährigen Filmemachers. Es ist die Endphase der von 1964 bis 1985 das Land dominierenden Militärdiktatur.
Regisseur und Drehbuchautor Mendonça Filho nimmt sich viel Zeit – insgesamt 158 Minuten – für seine in mehrere Kapitel unterteilte Erzählung. Sie wurde in Cannes 2025 mit Goldenen Palmen für die beste Regie und den besten Hauptdarsteller – Wagner Moura – ausgezeichnet. Moura ist Marcelo, ein Mann Mitte 40, der in seinem gelben VW Käfer von São Paulo in die Küstenstadt Recife zurückkehrt. Dort lebt sein Sohn bei den Großeltern. Marcelos Stopp an einer Tankstelle ist ein Beispiel für die Zeit großen Leids, die Filho filmisch rekonstruiert. Eine Leiche liegt seit mehreren Tagen in der Nähe der Zapfsäule. Wilde Hunde interessieren sich mehr für den Kadaver als zwei anrückende übergriffige Polizisten, die Marcelo um Geld, wenigstens um ein paar Zigaretten erleichtern wollen. Gewalt und Tod sind Alltag in dieser von Kamerafrau Evgenia Alexandrowa in Cinemascope gespiegelten Welt. In ihr spielt auch ein abgetrenntes, in einem toten Hai gefundenes menschliches Bein eine zentrale Rolle.
Mendonça Filhos Werk besitzt eine romanhafte Struktur. Immer neue Personen werden eingeführt: sinistre, korrupte Vertreter der Polizei; lakonische Auftragskiller; ein abstoßender Industrieboss; Dona Sebastiana (Tânia Maria), die verfolgten Individuen Schutzräume bietet; Elza (Maria Fernanda Cândido), die so etwas wie ein inoffizielles Zeugenschutzprogramm in Brasilien aufgebaut hat; schließlich Hans (Udo Kier), ein schwuler jüdischer Schneider, der auch in der neuen Heimat unter den Traumata der Vergangenheit leidet. Marcelo, dessen in Rückblicken auftretende Frau Fatima (Alice Carvalho) gestorben ist, hat als Technologieexperte an der Universität geforscht und sich mächtige Feinde gemacht. Moura verkörpert einen Mann auf der Flucht. Deren Wege zeichnet in der Gegenwart das Team einer Privatuniversität nach. Es kann auf archivierte Kassetten zurückgreifen, auf denen Marcelo, Sebastiana und andere ihre Geschichten und Erfahrungen festgehalten haben.
Mendonça Filho wollte einen brasilianischen Film drehen – inspiriert von US-Altmeistern wie Robert Altman und Brian De Palma. Sein mit vielen Kinozitaten verziertes Werk, von Richard Donners »Das Omen« bis Philippe de Brocas »Le Magnifique – Ich bin der Größte«, vereint Thriller-Elemente, Polit-, Familien- und Beziehungsdrama, schwarze Komödie, Gewaltexzesse und surreale Effekte. Ein buntes Personal, mal einfühlsam und nuanciert gezeichnet wie Marcelo, mal grotesk überzeichnet wie Kiers Hans, prägt den Film. Wagner Moura, seit José Padilhas »Tropa de Elite« (2007) und der Netflix-Serie »Narcos« ein Weltstar, trägt hier abwechselnd resignative Melancholie und sanfte Menschenfreundlichkeit sowie abgründige Traurigkeit zur Schau – und eine auf einen Ausbruch lauernde Aggressivität. »Ich würde ihn mit einem Hammer töten«, bemerkt er über den skrupellosen Unternehmer Ghirotti (Luciano Chirolli). Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit.
Kontraste wie die zwischen Musik und Mord, Karneval und Korruption gehören zum stilistischen Repertoire des Films. »The Secret Agent« betreibt mit langem Atem und perfekter Ausstattung die Aneignung der Zeit, als Präsident Ernesto Geisel autokratisch über Brasilien und seine Einwohner herrschte. Indem er Geschichte und Heute koppelt, vermittelt Kleber Mendonça Filhos Film wertvolle Lehren und Einsichten für unsere Gegenwart.




Kommentare
secret agent
Erste hälfte wunderbar und lustig, leider am Ende viele unötige Grauslichkeiten.
Secret Agent
Ich musste mir den Film zweimal anschauen, um so in ihn einzutauchen, wie er es verdient. Denn ich war 1977 selbst in Brasilien, um die 14 Jahre alt, habe in São Paulo gelebt und die Zeit somit genauso erlebt, wie sie im Film dargestellt wird. Die bunte Einleitung am Anfang des Films, das war meine Jugend.
Die Liebe zum Detail, die Fotografie, die Dialoge – ich kann nur bestätigen: So war es, so ist Brasilien.
Die Leiche an der Tankstelle, das abgetrennte Bein im toten Hai, die eingepackte Leiche, die im Stausee entsorgt wird, die Korruption, aber auch die Gruselgeschichte in der Zeitung – all das habe ich so erlebt. Ja, so etwas ist damals passiert, und das genauso unverblümt, wie es dargestellt wird. All das wurde in eine spannende Geschichte verpackt, die von tollen Schauspieler*innen dargestellt wird, allen voran Wagner Moura.
Es ist kein einfacher Film, kein Film, der sich leicht anschauen lässt. Aber es ist großes, schlaues Kino, handwerklich toll gemacht. Und ich finde, dass gute Filme noch lange nachwirken sollten. Ein guter Film sollte nach mehrmaligem Schauen neue Details bringen und nicht langweilen.
Ein tolles Werk, nicht nur für Brasilien-Kenner.
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