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Gerhard Midding

Seine Kindheit dürfen wir uns als eine tapfer ausgehaltene Zerrissenheit vorstellen. John Schlesinger, der heute vor 100 Jahren geboren wurde, stammte aus einer jüdischen Familie, wuchs aber in einem protestantischen Haushalt auf. In den Ferien nahmen ihn seine Eltern samstags in die Synagoge mit und am nächsten Morgen musste er zum anglikanischen Gottesdienst. Regelmäßig stellte sich ihm da die Frage, wie er nun auf die Formel „Glaubst Du an Jesus Christus als den Sohn Gottes?“ reagieren sollte, wo er doch am Vorabend vom Rabbi gehört hatte, dass es nur einen Gott gibt?

Gerhard Midding

Die Fügung, dass die Weltpremiere der 4-K-Restaurierung von »The Pornographers« auf den diesjährigen Valentinstag fällt, hätte den Regisseur zweifellos begeistert. Shohei Imamura liebte die filmische Kollision. Romantische Eintracht verheißt dieser Titel mitnichten. Im Original ist er noch etwas ausführlicher und gibt sich als "Einführung in die Menschenkunde" zu erkennen, was ebenfalls keine einvernehmliche Verzauberung in Aussicht stellt.

Gerhard Midding

In der Epoche, die man früher einmal das Goldene Zeitalter der Filmmusik nannte, muss ein ungeheures Gemeinschaftsgefühl geherrscht haben. Zwar waren die Komponisten durchaus Konkurrenten, aber zugleich freundschaftlich verbunden. Selbst Arnold Schönberg und Erich Wolfgang Korngold, die in Wien wohl kein Wort miteinander gewechselt hätten, tauschten sich in Los Angeles rege aus.

Gerhard Midding

Die Titel darf man sich ruhig erst einmal auf der Zunge zergehen lassen: Spezialkommando Feuervogel, Hammerhead , Kommisar X - Drei gelbe Katzen und Roboter der Sterne. Nach Kanon klingt das alles nicht. Was also haben sie in einem Filmmuseum zu suchen? Oder anders, wenngleich ebenso rhetorisch gefragt: Bedeutet ihre Musealisierung nicht vielmehr eine Endstation?

Gerhard Midding

Im besten Fall landen die Filme beim richtigen Kritiker. Das kommt seltener vor, als man denkt. Mir geht allerdings oft durch den Kopf, welch ungeheures Glück manche hatten, Hans Schifferle zu finden. Das war dann in der Regel eine ganz intime Begegnung, die geprägt war von Beobachtungsgenauigkeit, Anspielungsreichtum und unbedingter Zuneigung. Er war uns Kollegen meist einen Schritt voraus, beispielsweise im Fall von Sébastien Lifshitz.

Gerhard Midding

»Hamnet« ist geschmeidig inszeniert – Chloé Zhaos Film gestattet ein nahtloses Sehen, er setzt eher auf unsichtbare Schnitte als auf eine dialektische Montage. Das ist klug, denn er erzählt von einem Riss, der durchs Leben geht. Stolpersteine gibt es im Fluss der Bilder gleichwohl, denn in ihnen nimmt das Abwesende eine zentrale Rolle ein.

Gerhard Midding

Von den kartellrechtlichen Bedenken gegen eine Fusion von Netflix und Warner Bros., die das Weiße Haus im Dezember anmeldete, war lange nichts mehr zu hören. Ungeachtet dessen hat der US-Präsident als Privatmann inzwischen Anteile an beiden Unternehmen erworben, laut Reuters im Wert von etwa zwei Millionen Dollar. Ob das im Sinne seines Intimus Larry Ellison ist, darf man bezweifeln. Die interessantere Frage wäre, welcher Interessenkonflikt schwerer wiegt.

Gerhard Midding

Man könnte es einen prophetischen Zufall, dass ein Gutteil der Alben, die ich in meiner Jugend kaufte, Soundtracks waren. Die dazugehörigen Filme habe ich in den seltensten Fällen gesehen (Shaft, Claudine), einige könnte ich mal nachholen (Superfly, Mahogany), von anderen hat man danach nie wieder gehört ("That's the Way of the World"), bei manchen hegte ich gar Zweifel, ob es sie überhaupt gibt (Cornbread, Earl and Me).

Gerhard Midding

Als Donald Trump im Oktober letzten Jahres den Ostflügel des Weißen Hauses abreißen ließ, fiel der Abrissbirne auch der legendäre Kinosaal zum Opfer. Er wurde auf Geheiß von Franklin D. Roosevelt errichtet und gehört nun zu den zahlreichen Errungenschaften seiner Präsidentschaft, die der amerikanischen Rechten seither ein Dorn im Auge waren und von seinen republikanischen Nachfolgern regelmäßig beseitigt wurden.

Gerhard Midding

Bei strengen Literaturkritikern hatte sie hier zu Lande keinen leichten Stand. Das mag nicht zuletzt an der hiesigen Begeisterung für Raymond Chandler gelegen haben, der bekanntlich nicht nur selbst brillante Krimis, sondern auch mit kennerischer Schärfe über die Arbeit der Konkurrenz schrieb. Die von Agatha Christie ertrug er partout nicht.