Bei geöffnetem Fenster

In den letzten Monaten dominierten Paramount und Warner Brothers die Nachrichten aus Hollywood. Darüber hätte man fast vergessen, dass auch die anderen Majors noch im Filmgeschäft tätig sind. Universal beispielsweise macht gerade mit einer rundum begrüßenswerten Maßnahme von sich reden.

Am 1. April beginnt für das Studio eine neue Zeitrechnung, die mit dem Start von „The Super Mario Galaxy Movie“ einsetzt. Bisher habe ich wenig Notiz von den Abenteuern der fraglos munteren Klempner genommen und müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich fiebere ihrem neuesten entgegen. Gleichwohl habe ich den kommenden Mittwoch (auch bei uns der Filmstart) in meinen mentalen Kalender eingetragen, denn es wird der erste offizielle Universal-Film seit der Pandemie sein, für den das Fenster der Kinoauswertung auf fünf Wochen verlängert wird. Bislang währte es gerade einmal 17 Tage, bis ein Titel des Studios schon als Video on Demand erhältlich war. Diese Frist umfasste die ersten drei Wochenenden, an denen laut Branchenweisheit die Filme den Großteil ihrer Einnahmen (in der Regel zwei Drittel) erzielten. Die Neuerung kündigte Donna Langley, deren Titel derzeit „Chief Content Officer“ von NBC-Universal lautet, in einem Interview mit der „New York Times“ an. Das passt doch zum Frühjahr, wo man Sonnen und Luft wieder hereinlässt! Ab dem 1. Januar 2027 sollen Universalfilme sogar sieben Wochen in den Kinos bleiben, bevor sie als Heimmedium zugänglich werden.

Ironischerweise nimmt sie damit eine Entscheidung zurück, die sie selbst als Präsidentin der Filmabteilung des Konzerns während der Pandemie fällte. (Die gebürtige Britin weist eine der bewundernswert längsten Karrieren als Studiochefin auf, seit 2013 bestimmt sie sehr erfolgreich über die Geschicke von Universal.) Vor 2020 dauerte das Fenster noch 90 Tage. Inzwischen hat sich gezeigt, dass diese Verkürzung nicht unbedingt profitabel ist. Während weltweit der Verkauf von Kinokarten seit Covid um rund 20 % zurückging, sind es auf dem nordamerikanischen Markt 22. Die erklecklichen Preise, die bei Video on Demand aufgerufen werden, kompensieren das auf die Dauer wohl nicht.

Die 17-Tage-Frist ist keine verbindliche Regel. Manche Studios halten bestimmte Produktionen bis zu 50 Tagen in den Kinos, bevor sie ihnen Konkurrenz im Home Entertainment machen. Paramount gewährte der letzten „Mission: Impossible“- Episode gar 88 Tage exklusiv im Kino (was nicht viel genutzt hat). Dennoch markiert Langleys aktuelle Entscheidung ein Umdenken. David Ellison überlegt bereits, bei Paramount ein 45-Tage-Fenster zu installieren. Ist das nun im Vergleich zu früher nun halb offen oder halb geschlossen?

Die derzeit noch etwas trotzige Werbeformel „Nur im Kino“ erhält momentan jedenfalls eine neue, belastbarere Legitimation. „Slash Film“ vermutete schon, mit dieser Maßnahme würde Universal nun der Konkurrenz von Warners und Paramount sämtlichen großen Regisseure abspenstig machen: Die wollten ihre Filme eben wirklich im Kino sehen. Für Christopher Nolan, der sich schon vor Jahren von seinem Stammstudio WB verabschiedete, gilt das bestimmt ebenso wie für Steven Spielberg, den als Regisseur wie Produzenten eine besondere Treue mit Universal verbindet, das ihm mit „Sugarland Express“ und „Jaws“ seinen Durchbruch ermöglichte. Auch bei Netflix beobachten Branchenkenner eine verstärkte Abwanderungsbewegung von Filmemachern, die dort längst nicht mehr die Freiheiten besitzen, die sich in der Anfangszeit David Fincher und anderen boten. Der Rollback, den Langley anordnet, könnte sich insgesamt als eine exzellente Nachricht erweisen.

Das „rundum“ im ersten Absatz muss ich allerdings relativieren, denn es gilt noch eine erstaunliche Ausnahme: Für die Titel von Focus Features, die zu Universal gehören, soll weiterhin die 17-Tage-Frist gelten. Das wurde bestimmt von lang gedienten Analysten ausbaldowert. Mir hingegen ist schleierhaft, weshalb sich das kommerzielle Schicksal gerade kleiner, fragiler und anspruchsvollerer Filme an drei Wochenenden entscheiden soll, ist mir rätselhaft. Hierbei handelt es sich doch eigentlich um klassische Longseller, die auch nach Wochen noch von guter Mundpropaganda zehren können. Ein Blick auf die Spielpläne in Berlin zeigt beispielsweise, dass sich hier „Hamnet“, „The Secret Agent“, „Sentimental Value“ oder „Therapie für Wikinger“ weiterhin wacker behaupten. (Das gilt übrigens auch für „One Battle After Another“ und „Blood and Sinners“, die aktuell natürlich vom Oscar-Regen profitieren.) Der amerikanische Kinomarkt funktioniert zweifellos anders. Dort wirken womöglich noch stärkere Verdrängungskräfte. Die durch die kurze Frist potenziert werden. Ich hoffe. dass sich Donna Langley noch zu einem ganzherzigen Bekenntnis zu „theatrical first“ durchringt, einer gedeihlicheren Verweildauer, bei der Filme die Chance haben, ihr Publikum zu finden.

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