Was uns entgeht

Unlängst passierte mir ein fabelhaftes Missgeschick, das meine privaten Kinobesuche enorm bereichert hat. Ich hatte mein Notizbuch verlegt. Nun war ich gezwungen, auf schriftliche Anmerkungen während der Vorstellungen zu verzichten. Es war, als fiele eine Last von meinen Schultern.

Na, das ist dann doch reichlich übertrieben. Aber es ist befreiend, eine Gewohnheit für eine Weile abzulegen. Das Überschwappen dieser beruflichen Gepflogenheit ins Private war mir ohnehin nie ganz geheuer, obwohl es meine Begleiterinnen und Begleiter anscheinend nicht störte. Und der Nutzen dieser Aufzeichnungen ist sowieso begrenzt, denn in den meisten Fällen lässt sich schwer entziffern, was ich im Dunkel gekritzelt habe. Gleichviel, jetzt konnte ich unbefangener hinschauen. Niemals Feierabend zu haben, ist für einen Filmkritiker kein unentrinnbares Schicksal.Wir beobachten Filme nicht nur, wie können sie auch sehen. Eine Barriere, oder doch zumindest ein Filter war aus dem Weg geräumt. Wer weiß, welche Schreckensmomente ich in »Weapons« verpasst hätte, wenn mich Buch und Kugelschreiber gerade abgelenkt hätten?

Natürlich gelang es mir nicht vollends, meine berufliche Deformation abzuschütteln. Aber einfach nur Teil eines normalen Publikums zu sein, ist eben doch etwas anderes, als in einer Pressevorführung unter Kollegen zu sitzen. Auch da kann ich emotional mitgehen; ich studiere einen Film ja nicht nur, sondern lasse mich von ihm bewegen. Der Unterschied liegt in entscheidenden Nuancen. Bei »Life of Chuck« beispielsweise merkte ich, dass ich ihn ungeschützter sah. Ich bekam eine Gänsehaut, als Tom Hiddleston im zweiten Akt seine unverhoffte Tanzpartnerin als "little sister" anspricht. Beim zweiten Mal, als seine Großmutter den kleinen Chuck mit der Formel "Come on, little brother" zum Tanz aufforderte, war die Gänsehaut noch stärker. Ich ahnte, dass es im Film um Verwandtschaft geht, die sich spontan herstellen lässt. Ganz so unkompliziert ist es wiederum nicht, denn den beiden Tänzen geht ein Verlust voraus. Der Freund der jungen Frau hat gerade per SMS den Laufpass gegeben. Und im ersten Akt markiert der beschwingte Tanz in der Küche den Moment, in dem die Großmutter sich aus der Trauer löst, die sie nach dem Tod von Chucks Eltern im Klammergriff hielt. Dass der Junge in der Schule eine Partnerin findet, die erheblich älter und größer als er ist, ging auch nicht spurlos an mir vorüber. Mike Flanagans Film feiert ein Gefühl von entstehender Gemeinschaft, ein Einverständnis, das sich in der beschwingten Bewegung artikuliert. Als Kritiker hätte ich womöglich gezögert, von Magie zu schreiben. Aber als gemeiner Zuschauer empfand ich es genauso und war glücklich darüber.

Natürlich versuchten meine Begleiterinnen und ich, den Film danach zu enträtseln, seine Geheimnisse zu lüften. Als ehemalige Redakteurinnen (bei Radio bzw. Fernsehen) sind sie nicht unbeleckt von Filmwissen und Cinéphilie. Ohnehin geht niemand völlig unschuldig ins Kino. Wer nimmt hier schon zufällig Platz? Das Vorwissen fängt schon mit den Trailern an, die viel neugieriger machen als die Startankündigungen, die ich tagtäglich bekomme. Am Wochenende besuchten wir einen Film, zu dem sich genau das richtige Publikum eingefunden hatte. Es war eine gut besuchte Spätnachmittagsvorstellung von „Was uns verbindet“, den Britta Schmeis begeistert im aktuellen Heft rezensiert hat. (Ich hob die Männerquote im Saal sehr, aber das tut wenig zur Sache.) Howard Hawks sprach gern davon, dass es in einem Kinosaal immer Einen gibt, der schneller als die anderen begreift, der zum Beispiel als Erster lacht. Für diese Person würde er seine Filme drehen, behauptete er. An diesem Samstagnachmittag war es anders, da schien das Publikum nur aus solchen Avantgardisten zu bestehen. Nennen wir es mal das Genie des Kinosaals. Es wurde viel gelacht, was bei einer Pressevorführung vielleicht nicht der Fall gewesen wäre; zumindest nicht in diesem Maße, mit dieser Gründlichkeit. Wir hatten Freude an der Selbstverständlichkeit, mit welcher der kleine Junge seine Nachbarin Valeria Bruni-Tedeschi in Anspruch nimmt. Jedes Wort, jede Geste, jede Reaktion zwischen den beiden amüsierte uns. »Was uns verbindet« ist ein Film, in dem man sich wiederfinden kann - Carine Tardieu ermöglicht dem Publikum eine breit gefächerte Einfühlung in all die Probleme, Konflikte und Schmerzen, mit denen ihre Figuren konfrontiert werden. Als Kritiker hätte ich vielleicht bemängelt, dass es auf die Dauer zu viel davon gibt (ist die Fehlgeburt nicht eine Volte, der es nicht bedurft hätte?), als als ein Zuschauer unter anderen war ich froh über die Vielstimmigkeit der Blickwinkel. Auch dies ein Film darüber, wie Verwandtschaft entsteht. Inzwischen habe ich das blaue, handliche Notizbuch wiedergefunden. Aber ich versuche, das noch eine Weile vor mir geheimzuhalten.

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