Alternative Lügen

In ihrer Gegenrede auf Joe Bidens Ansprache zur Lage der Nation fuhr die republikanische Senatorin Katie Boyd Britt schwere Geschütze auf, um die Grenzpolitik des Präsidenten zu diskreditieren. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, sie habe zuvor das Drehbuch einer Fortsetzung von »Sound of Freedom« studiert.

Die Republikanerin berichtete vom Schicksal eines mexikanischen Mädchens, das im Alter von 12 Jahren in die Fänge von Menschenhändlern geriet und zur Arbeit in einem Bordell gezwungen wurde. Mehrmals täglich wurde das Opfer dort vergewaltigt und konnte erst nach vier Jahren befreit werden. Britt führte die Geschichte als Beispiel für die verheerenden Konsequenzen an, die Bidens laxe Einwanderungspolitik zeitige, Sie warnte vor einer Flut von Migranten, die zu zahllosen Übergriffen führe. Nun könnte man sich mit Blick auf die fotografische Langzeitdokumentation des US-Künstlers Tom Kiefer (https://www.tomkiefer.com/el-sueno-americano) fragen, welche Bedrohung diese Einwanderer noch darstellen sollten, nachdem man ihnen beim Grenzübertritt so gefährliche Ausrüstung wie Zahnbürsten, Kinderspielzeuge und Bibeln abnimmt. Aber solche Zwischentöne werden von Republikanern gern überhört.

Als die "Washington Post" ihre Behauptungen überprüfte, stellte sich rasch heraus, dass die Senatorin aus Alabama es mit der Wahrheit in etwa so genau nimmt wie Tim Ballard (siehe „Unterirdisch“ vom 8. 11. letzten Jahres). Das Martyrium des jungen Mädchens ereignete sich weder während Bidens Amtszeit noch auf dem Territorium der USA. Dass hinter dem Menschenhandel Drogenkartelle standen, war ebenfalls eine Erfindung. Früher hätte man in einem solchen Fall gesagt: Das ging nach hinten los. Mittlerweile habe ich wenig Zweifel, dass ein dreister Vorstoß wie dieser verfängt. Ihre Anhänger werden schon aufpassen, dass die Wahrheit nicht in ihre Blase dringt. Seit Trumps ehemalige Beraterin Kellyanne Conway den Begriff „Alternative Fakten“ erfand, ist das Klima dafür bereitet.

Ein solcherart befeuerter Diskurs schert sich nicht mehr um Kategorien wie Plausibilität oder Überprüfbarkeit. Die willkürliche Umdeutung von Fakten triumphiert. Nehmen wir nur einmal die Erstürmung des Capitols, zu der Trump anstiftete. Inzwischen werten selbst damals entsetzte und um ihr Leben bangende Republikaner sie zu um zu einem Akt des Patriotismus. Wenn der ehemalige Präsident die rechtmäßig verurteilten Rädelsführer dieses Angriffs auf die Demokratie jetzt als "Geiseln" bezeichnet, bewundern ihn viele seiner Gefolgsleute vermutlich gerade für die Chuzpe, mit der er die Tatsachen verleugnet. Sein "I call them hostages" erscheint ihnen als eine Geste der Ermächtigung: Seht her, ich nehme mir das Recht, zu lügen - und komme damit durch. Die US-Justiz wird das möglicherweise anders sehen, aber vielleicht auch nicht.

Die amerikanische Öffentlichkeit hätte sowohl vor dem Mob vom Januar 2020 wie vor Britts Kalkül mit xenophoben Vorurteilen gewarnt sein können. Sie hätte sich nur rechtzeitig "The Lawless" (Gnadenlos gehetzt) anschauen müssen. Darauf kommt heute natürlich kein Mensch mehr. Ein B-Picture von 1950? Inszeniert von einem Regisseur, der vor der Schwarzen Liste nach Europa flüchtete (Joseph Losey), und geschrieben von einem Autor, der während der Kommunistenjagd da blieb und schwer unter ihr zu leiden hatte (Daniel Mainwaring, der das Pseudonym Geoffrey Homes benutzte)? Aus dieser seinerzeit schwefelhaften Urheberschaft ging ein eminent patriotischer, wachsam demokratischer (nicht im parteipolitischen Sinne) Film noir hervor.

Ich entdeckte ihn auf der Retrospektive, in der die Viennale und das österreichische Filmmuseum zu Beginn des Jahrtausends die Opfer der Black List in einem neuen Licht betrachteten. Die Filmschau arbeitete heraus, dass die Drehbuchautoren, Regisseure, Darsteller etc, sehr wohl linke, progressive Positionen in ihren Filmen vertreten konnten oder diese doch zumindest in sie hineinschmuggeln konnten. Nach Britts Einlassungen habe ich ihn mir erneut angesehen; die DVD von »Olive Films« ist manierlich.

»The Lawless« spielt in der fiktiven kalifornischen Kleinstadt Santa Marta, die sich auf den Ortseingangsschildern als "the friendly city" vorstellt. Vorangestellt ist der Geschichte eine Texttafel, die programmatisch ist: Sie handelt von einer Stadt und einigen ihrer Einwohner, die von blinder Wut ergriffen das amerikanische Erbe von Toleranz und Anstand vergessen und zu Gesetzlosen werden.

Die unabhängige Produktion, die von Paramount verliehen wurde, profitiert enorm vom Dreh an Realschauplätzen in Marysville und Grass Valley. Kameramann Roy Hunt war eigentlich kein Fachmann für Schauplatzrealismus (er hat zuvor beispielsweise Jacques Tourneurs »I walked with a Zombie« ausgeleuchtet), aber hier fängt er die kleinstädtische Atmosphäre unmittelbar und drastisch ein: Er hilft Losey, den Film zu verwurzeln. Die Topographie von Santa Marta ist zweigeteilt. Abseits der bürgerlichen Viertel der Weißen liegt der Stadtteil "Sleepy hollow", in dem die hispanischen Erntearbeiter leben. Obwohl es dort keine befestigten Straßen gibt und Armut herrscht, ist das ein Zuhause. "Every time I cross that bridge, it does something to me", sagt der junge Pedro auf dem Heimweg von der Obstplantage. Er träumt davon, eines Tages selbst eine zu besitzen. Sein älterer Bruder ist bei der alliierten Invasion in der Normandie gefallen. Die Migranten aus Mexiko mögen nicht vollends integriert sein, aber sie kennen ihre Rechte und die Polizei behandelt sie zunächst korrekt. Sie bilden eine enge Gemeinschaft, haben eine eigene Wochenzeitung, "La Luz". Eigentlich spürt man die Zusammengehörigkeit schon, als sie im Konvoi von der Arbeit heimkehren. Bei dem "Good fellowship dance", den sie am Samstagabend veranstalten, stiftet eine Gruppe von weißen Kids Unruhe. Ein Streit artet zu einer Schlägerei aus, die Polizei wird alarmiert, die Situation eskaliert. Unversehens ist der unschuldige Pedro auf der Flucht. Ein rassistischer Cop gibt ihm die Schuld an einem Verkehrsunfall, bei dem ein besonnener Kollege zu Tode kommt. In der Folge soll er ein weißes Mädchen angegriffen haben, das tatsächlich aber nur auf eine Holzplanke stürzt. Die aufgebrachte Menschenmenge fordert Vergeltung.

Auf der Tanzveranstaltung lernen sich die eigentlichen Protagonisten des Films kennen. Larry Wilder, der Chefredakteur der Tageszeitung "The Union" (Macdonald Carey) flirtet mit der jungen Sunny Garcia (Gail Russell), die für "La Luz" arbeitet. Er war wohl neugierig, ob es zu Spannungen bei dem Tanzvergnügen kommt. Sie hat ihn aus der Ferne stets bewundert: Er war einmal ein engagierter Auslandskorrespondent und Kriegsberichterstatter. Nun hat er den Rückzug angetreten im beschaulichen Kleinstadtleben. In einer der schönsten Szenen, die zeigt wie viel Mainwaring von Americana versteht, genießt er den Duft von verbrennendem Herbstlaub; er erinnert ihn an seine Kindheit. Jetzt wirft aber Sunny ihm vor, dass er der Eskalation nicht Einhalt bot. Er erwidert: "That would be like yelling at a thunderstorm." Das wäre vielleicht die bessere Überschrift für diesen Eintrag gewesen.

Mainwaring und Losey wurden zu ihrem Film vom Peetskill Riot inspiriert, bei dem weiße Rassisten 1949 die Besucher eines Kongresses der Bürgerrechtsbewegung und eines Konzert von Paul Robeson attackierten. In seinem Interviewbuch "Conversations with Losey" meint Michel Ciment, Wilder sei ein Capra-Held, der feststellt, dass Capra-Helden falsch liegen. Aber er besinnt sich auf seine verschütteten Ideale. Er rettet Pedro vor dem Mob, indem er ihn dazu bringt, sich den Behörden zu stellen. Pedro vertraut ihm, denn er hat ein Leuchten in seinen Augen gesehen, das er von seinem Bruder kannte. Zugleich lässt Wilder es aber zu, dass die Reporterin einer Nachbarzeitung seine Redaktionsräume nutzt, um eine Hetzkampagne gegen den vermeintlichen Verbrecher zu fahren. Höflichkeit unter Kollegen hätte Hawks das wohl genannt, aber nie war diese so unangebracht wie hier. Die medial aufgestachtelte, wütende Menge belagert das Gerichtsgebäude. Santa Marta verabschiedet sich endgültig von der Freundlichkeit, der sie sich rühmte.

Es formieren sich Gegenkräfte. Der strenge Vater des Rädelsführers beim Tanzvergnügen schämt sich für dessen Verhalten. Er ist ein einflussreicher Geschäftsmann – ein häufiger Inserent in "The Union" -, der die Anwaltskosten der Migranten übernehmen will. Er hält an einem Bild von Amerika fest, das jetzt mit Füßen getreten wird. Dieser aufrechte Puritaner, sagt Losey im Gespräch mit Ciment, sei seinen beiden Großvätern nachempfunden. Im Film ist er fassungslos, dass so etwas hier passieren könne.

Als Wilder in seinem Blatt vehement Partei für den jungen Migranten ergreift - "The only crime he's guilty of is fear“"- , bricht ein Shitstorm über ihn los. Die Telefonleitung laufen heiß von unflätigen Beleidigungen. Wie gesagt, wir befinden uns im Jahr 1950. Den Worten folgen Taten. Der Mob besteht, das ist amerikanische Folklore, aus lauter Bürgern, die sich als unbescholten und entrechtet begreifen. Da es ihnen dann doch an dem Mut fehlt, das Gerichtsgebäude zu stürmen, greifen sie eine andere Säule der Zivilgesellschaft an. Sie fallen über die Zeitungsredaktion her und verwüsten sie komplett. Wilder will schon aufgeben, aber nicht, ohne vorher der Rotte zuvor die Leviten zu lesen. "Try and find some shame for what you`ve done." Die Bürger von Santa Marta schauen zerknirscht drein; ob sie wirkliche Reue empfinden, bleibt offen. Aber das Leuchten in Wilders Augen ist nicht vollends erloschen. Die Druckerpresse von "La Luz" funktioniert noch.

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