Weitere Fußnoten

In Norwegen wird gerade ein Horrorfilm namens „Possession“ gedreht, von dem ich normalerweise wenig Notiz genommen hätte. Ein Allerweltstitel, inzwischen längst verschlissen. Der Name des offenbar sehr umtriebigen Regisseurs, Henrik M. Dahlsbakken, war mir bislang unbekannt. Aufmerksam wurde ich erst, als ich las, dass er vor dem Hintergrund der Spanischen Grippe spielt.

Laut Inhaltsangabe der Produktionsfirma geht es um einen Pastor, der lange Zeit Missionsarbeit in Madagaskar geleistet hat und 1918 in seine Heimat zurückkehrt. Er will eine neue Gemeinde gründen und zu diesem Zweck eine Kirche errichten. Es stellt sich heraus, dass der vorgesehene Bauplatz früher einmal ein Friedhof der indigenen Samen war. Als die Überreste der Bestatteten umgebettet werden sollen, sucht ein namenloses Böses die Gemeinde heim. Eine Geschichte über Glaube und Zweifel in Zeiten der Pandemie, erklärt der Regisseur. Wie treffend, dass sie von Rückkehr des Verdrängten handelt.

Seit meinem Eintrag „Fußnoten“ vom 17. 4. letzten Jahres suche ich nach wie vor nach den verwehten Spuren, welche die Pandemie in der Filmgeschichte hinterlassen hat. Systematisch tue ich es nicht, aber ich halte Augen und Ohren offen. Manchmal hilft mir der Zufall auf die Sprünge. So entdeckte ich im Programm von ZDFinfo eine britische Dokumentation (https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/spanische-grippe-das-geheimnis-des-killer-virus-102.html), die den Ausbruch der Pandemie akribisch vom Tage 0 an rekapituliert. Das macht sie leidlich reißerisch („Tag 180: 150 Millionen Infizierte, 250000 Todesfälle“), was in diesem Genre ja doch irgendwie packend wirkt. Eine unerbittlich anschauliche und eben auch erhellende Chronik der Ereignisse, nach der man sich fragt, warum die Pandemie so massiv aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt werden konnte. Derzeit ist sie in der Mediathek des ZDF bis zum 9. Juli abrufbar. Aber sie wird regelmäßig wiederholt und in der Mediathek dementsprechend häufig erneut vorgehalten.

Als ich mich vor zwei Monaten mit „Babylon Berlin“ beschäftigte, wurde ich hellhörig, als Gereon Rath die enge Verbindung seiner Familie zu dem damaligen Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, erklärt: Seine Mutter sei an der Spanischen Grippe gestorben und der Bürgermeister setze sich sehr für die Angehörigen der Opfer ein. Historisch scheint das höchst fragwürdig – eine wissenschaftliche Arbeit aus jüngerer Zeit dokumentiert, dass seine Verwaltung scharf für ihr nachlässiges bis ignorantes Krisenmanagement kritisiert wurde -, könnte aber ein rührender Fall von politischer Reue sein.

Auf eine weitere Spur kam ich, als ich die relative Muße der letzten Monate nutzte, um filmhistorische Lücken zu füllen. Eine davon klaffte im Werk des Japaners Seijun Suzuki, dessen „Zigeunerweisen“ ich endlich sah. Darin begegnet ein Professor, der Deutsch unterrichtet, unversehens einem früheren Kollegen wieder, der nun das Leben eines Vagabunden führt. Sie verlieren sich erneut für einige Monate aus den Augen. Inzwischen ist der Nomade sesshaft geworden, hat eine Frau geheiratet, die einer Geisha bis aufs Haar gleicht, in die beide einmal verliebt waren. Jedoch verlässt er sie wieder und bringt bei seiner Rückkehr das Grippe-Virus mit. „Das nächste Jahr war von der Spanischen Grippe geprägt“ erinnert sich der Professor im Off-Kommentar. Die Frau des Freundes stirbt an ihr.

Einige Monate später nahm ein Kollege mit mir Kontakt auf, der für ein Nachrichtenmagazin eine Hintergrundgeschichte über die Pandemie vor 100 Jahren recherchierte. Nebenbei erwähnte er, in einem Mary-Pickford-Film gebe es eine Anspielung auf sie. Es handelt sich, wie ich schnell herausfand, um die erste Verfilmung von „Daddy Long Legs“ (Daddy Langbein) aus dem Jahr 1919. Pickford spielt ein unternehmungslustiges Waisenmädchen, das einen geheimnisvollen Adoptivvater findet. Als sie das Waisenhaus verlassen kann, kommen sie und ihre Begleiterin in letzter Minute am Bahnhof an. Um die Menschenmenge aufzulösen, die ihnen den Weg zum Bahnsteig versperrt, niest Mary. Die anderen Fahrgäste fliehen in panischer Angst. Wenn man genau hinschaut sieht man, dass etliche unter ihnen Gesichtsmasken tragen. Ein erstaunlich verschmitztes Zeitdokument der grassierenden Furcht. (Wie wird dieser Gag damals wohl angekommen sein? Wahrscheinlich hat die damalige Presse ihn aus Zensurgünden beschwiegen.) Der ganze Film ist auf Youtube zu sehen (leider in der gleichen dürftigen Qualität wie auf der DVD, die ich konsultierte), die knapp 20sekündige Szene selbst ist ebenfalls leicht auffindbar im Netz.

In diesem Zusammenhang stieß ich auf einen exzellenten Artikel der britischen Filmhistorikerin Bryony Dixon, der von der Unsichtbarkeit der Pandemie im Kino der Zeit handelt (https://www.bfi.org.uk/features/silent-film-great-pandemic-1918). Der Lehrfilm „Der Wise on Influenza“, den sie im Archiv des British Film Institute gefunden hat, ist faszinierend, ebenso ihre Fundstücke in der zeitgenössischen Presse über die Hygienemaßnahmen der Kinos und ihr Eindruck einer massiven staatlichen Zensur. Nicht einmal in allegorischer Form geistert die Pandemie nennenswert durch das Kino der Folgejahre; Dixon macht hier lediglich „Die Pest in Florenz“ (1919) namhaft, eine sehr freie Adaption von Poes „Die Maske des Roten Todes“, die Fritz Lang verfasst hat. Es ist nicht auszuschließen, dass Lang damit tatsächlich die Spanische Grippe gemeint hat. Als Kriegsteilnehmer erlebte er die Verbreitung des Virus' gewiss hautnah mit. Und seine ersten Drehbuchideen entwickelte er auf dem Krankenbett im Lazarett.

Auch die frischeste Spur führt in die Sphäre des Gleichnishaften. Ich entdeckte sie in einem ganz anderen Kontext (https://www.epd-film.de/blogs/autorenblogs/2021/luxus-macht-erfinderisch). Im Filmhotel der MK2-Gruppe kann man den Film „Récif de Corail“ (Korallenriff) sehen, vermutlich hat sie ihn auf DVD herausgebracht. Aber vor ein paar Tagen stieß ich zufällig in der Mediathek von arte (wo er leider nur noch bis zum 30. 6. abrufbar ist). Das in Australien spielende Melodram galt lange Zeit als verschollen, bis in Belgrad eine Kopie auftauchte, die aus Anlass des 100. Geburtstags von Jean Gabin vor ein paar Jahren restauriert wurde. Es ist der unbekannteste unter den Filmen, die er und Michèle Morgan zusammen gedreht haben, kein Meisterwerk wie „Hafen im Nebel“ und „Remorques“ (Schleppkähne), aber aus diversen Gründen sehenswert. Es ist ein eher ungewöhnliches Gabin-Vehikel, da hier der Fatalismus etwas aufgelockert wird. Zugleich ist er ein schönes Beispiel für die atmosphärische Prägnanz des französischen Kinos der Zeit (Kamera: Jules Kruger), die den Film Noir Hollywoods ahnungsvoll vorwegnahm. Die Innenaufnahmen jedoch entstanden 1938 bei der UFA in Babelsberg.

Im Verlauf der verschlungen Handlung – wann sie sich zuträgt, bleibt vage -, muss sich das Paar auf einer Farm inmitten der Wildnis vor der Polizei verbergen. Nach einem Abstecher in die Stadt erkrankt Morgan plötzlich an Influenza. Von der Spanischen Grippe ist nicht explizit die Rede, aber der Film zeigt ausführlich die Auswirkungen, die der Ausbruch auf das Gemeinwesen des Ortes hat. Im Spital sind keine Betten mehr frei, man weiß nicht mehr, wohin mit den Patienten. Das Wort „Epidemie“ ist von den Behörden untersagt („Sagen wir, es handelt sich um Kranke, die die gleichen Symptomen aufweisen.“), morgens werden die Namen der Verstorbenen vor dem Spital verlesen. Die Situation verschlimmert sich, das Militär wird gerufen und der Ort abgesperrt. Gabin gelingt es dennoch, zu Morgan vorzudringen. Der Ausbruch bleibt lokal begrenzt, irgendwann werden die Häfen wieder geöffnet und das Paar könnte seinem Schicksal entkommen. Während der Dreharbeiten wurde die Schauspielerin Zeugin einer anderen zivilisatorischen Katastrophe. Als Ihr Fahrer sie eines Morgens von ihrem Berliner Hotel abholte und hinaus zum Studio brachte, bot sich ihr ein entsetzliches Bild: Jüdische Geschäfte waren zerstört und geplündert worden, Synagogen standen in Schutt und Asche. Es war der 10. November, der Morgen nach der Reichspogromnacht.

 

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