Daseinsvorsorge

Wie "Variety" vorgestern meldete, wandte sich Angus King, der ehrwürdige Senator von Maine, mit einem adventlichen Wunsch an die Streamingdienste: Sie mögen doch bitte ihr Angebot über die Feiertage kostenlos zur Verfügung stellen, um Amerika zum Daheimbleiben zu animieren. Sind die USA nur noch in der Obhut von Amazon Prime, Netflix, Roku und Co vor dem Virus sicher?

Bislang haben die Plattformen noch nicht auf das Ersuchen reagiert. Dies Geschenk hat sie vielleicht zu sehr überrascht. Über einen Prestigegewinn dürfen sie sich allemal freuen: Nun gelten sie nicht mehr allein als Nutznießer der Pandemie, sondern dank senatorialer Empfehlung als probates Mittel ihrer Eindämmung. Im Umkehrschluss bedeutet das, der Besuch der Kinos, in denen am Weihnachtstag »Wonder Woman 1984« anläuft, stelle ein unverantwortliches Gesundheitsrisiko dar. Dagegen halten Warner Brothers jedoch eine Arznei parat: Sie lassen den Fans die Wahl, denn sie können sich das brennend erwartete Sequel ja ebenfalls auf ihrer Plattform HBO Max anschauen.

Für dieses hybride Vertriebsstrategie hatte sich die Studioleitung bereits im Herbst entschieden, notgedrungen und ausdrücklich als Ausnahme: Auch im 98. Jahr ihres Bestehens habe für die Firma aus Burbank die Kinoauswertung nach wie vor Priorität. Vor zwei Wochen wurde diese Zusagen brüsk zu Makulatur. Am 3. Dezember kündigte das Management von Warners an, ihr gesamtes Portfolio des Jahres 2021 auf diese Weise herauszubringen. Die Schockwelle, die diese Entscheidung auslöste, war gewaltig. Sie wirkt noch immer nach, Tag für Tag machen seither betroffene Filmschaffende, Berufs- und Dachverbände ihrem Entsetzen Luft. Nicht nur die Kinoketten waren von diesem Tabubruch schockiert, der sich als game changer erweisen könnte. Christopher Nolan, der große Fürsprecher des Kinoerlebnisses, machte sich zum Sprachrohr aller Filmemacher, "die abends mit dem Glauben ins Bett gingen, für das beste Studio zu arbeiten, und am nächsten Morgen entdecken mussten, dass sie dies für den schlechtesten Streamingdienst tun." Dennis Villeneuve, dessen Reboot von »Dune« im nächsten Jahr starten soll, warf der Studioleitung vor, keinen Funken Liebe fürs Kino und das Publikum zu haben. Die Chance, dass aus der Wüstenplanet-Saga ein Franchise werden könnte, sei damit vertan. Aus meiner Sicht ist das momentan eine nachrangige Sorge; für den Mitproduzenten Legendary, der 75% des Budgets beitrug, sicher nicht.

Die in Burbank (na, wohl doch eher anderswo) gefällte Entscheidung wirft neben den offenkundigen Fragen nach Zeitpunkt und Auswirkungen auch die nach dem Stil auf. Die von ihr unmittelbar Betroffenen erfuhren erst aus den Medien davon. Der "New York Times" und Branchenblätter zufolge rief Toby Emmerich, der Leiter der Filmsparte des Konzerns, am Vorabend nur die Chefs der großen Talentagenturen an. Diese betrifft es insofern, als viele ihrer Klienten am Kinoeinspiel prozentual beteiligt sind. Was für back-end-Zahlungen soll die Auswertung auf einer Streaminplattform bringen, soll weiß noch niemand genau. Zumal die bislang vergleichsweise wenigen Abonnenten von HBO Max keinen Aufpreis für den Genuss der Kinofilme zahlen müssen, wie es bei Disney+ der Fall ist.

Die Talente selbst stieß das Studio vor den Kopf. Dabei wurden Warner Bothers, die man in Hollywood inzwischen "Former Brothers" schimpft, stets für den Respekt geschätzt, den sie diesen entgegenbrachten. Wie zugänglich die Chefetage für sie war, durfte ich einmal erleben, als ich in den 90ern für eine Fernsehdokumentation ein Interview mit Sydney Pollack drehte. Der Regisseur kam ins Büro, instruierte seine Sekretärin: "Get me Terry Semel at Warner Brothers!" - und nahm den Rückruf des Studiochefs entgegen, noch bevor der Kameramann seine Scheinwerfer auspacken konnte.

Von dieser talentfreundlichen Kultur zeugten auch die einzigartig langen und oft exklusiven Arbeitsbeziehungen, die das Studio zu Filmemachern wie Stanley Kubrick oder Nolan unterhielt. Von Clint Eastwood ganz zu schweigen, der in Burbank seit einem halben Jahrhundert seine kreative Heimat gefunden hat. Er gehört, neben Greta Gerwig und Martin Scorsese, zu der Abordnung illustrer Regisseure, die im Herbst an den US-Kongress appellierten, die Kinobesitzer finanziell zu unterstützen. Sein nächster Film »Cry Macho« gehörte zu dem ursprünglich 18 Titel umfassenden Portfolio, das Warner für das nächste Jahr angekündigt hatte. Nun nicht mehr. Das kann natürlich daran liegen, dass der trotz seines notorischen Arbeitstempos voraussichtlich nicht rechtzeitig fertig wird. Ebenso gut möglich ist, dass der in Burbank ungebrochen einflussreiche Eastwood auf einem Kinostart und dem üblichen Fenster bis zur Auswertung im Heimkino beharrte. Er ist nicht der einzige Filmemacher, der eine solche Klausel in seine Verträge hat setzen lassen. Mit ihrem Handstreich setzen sich Warners auch über ein Abkommen hinweg, dass sie vor einiger Zeit mit der Regisseursgilde getroffen haben.

Vertragsbrüchig werden sie durch ihr Vorgehen zudem gegenüber Partnern wie Legendary, die neben »Dune« auch »Godzilla vs Kong« zu Dreivierteln finanziert haben. Die Produktionsfirma, die zur chinesischen Wanda gehört, behält sich juristische Schritte vor. (In China ist HBO Max nicht verfügbar, in Deutschland aber wohl im Laufe des nächsten Jahres.) Auf den ersten Blick wirkt die Entscheidung überstürzt und unberaten. Um nur mal einen Aspekt unter vielen zu nennen: die Gefahr der Filmpiraterie. Ökonomisch scheint sie vorerst keinen Sinn zu ergeben. Das ist zumindest das Echo der meisten Einlassungen von Hollywoodinsidern und Analysten in den Branchenblättern. Erstaunlich viele unter ihnen hoffen tatsächlich auf eine (relative) Konsolidierung des Kinomarktes in der zweiten Jahreshälfte 2021.

Was haben Warners mit ihrer hybriden Strategie also überhaupt zu gewinnen? Bei Day-and-date, dem gleichzeitigen Start in Filmtheatern und auf Heimmedien, stand bisher der Verlierer bereits fest: das Kino. Diese Erfahrung musste der ewige Pilotfisch Steven Soderbergh schon 2005 machen, als er so „Bubble“ herausbrachte, der an der Kasse gerade einmal ein Sechstel seines minimalen Budgets einspielte. Seitdem mögen sich die Sehgewohnheiten geändert haben. Aber in Zeiten von Corona wird das als Katalysator einer Entwicklung fungieren, die sich schon lange abzeichnete. Dass die Warner-Filme nur 31 Tage auf HBO Max verfügbar sind und danach theoretisch im Kino weiter laufen könnten, klingt erst einmal gar nicht so verhängnisvoll. Aber ein Gutteil der Titel sind Tentpoles wie »Matrix 4«, mithin Ereignisse, an denen man augenblicklich teilhaben will. Welchen Filmen im Portfolio ist jene Dauerhaftigkeit zuzutrauen, die man im Hollywoodgeschäft früher mal "legs" nannte?

Das Jahr 2020 dürfte Warner in die größte Krise seit den frühen 1950er Jahren gestürzt haben, als man in Burbank noch kein Mittel gegen die Konkurrenz des Fernsehens gefunden hatte und das Studiogelände einige Jahre lang "Death Valley" genannt wurde. Der Schrecken über das in den USA enttäuschende Kassenergebnis von »Tenet« sitzt der Firma noch merklich in den Knochen. Aber im Verlauf ihrer Geschichte waren Warners zugleich immer wieder Schrittmacher neuer Entwicklungen, man denke nur an den Durchbruch des Tonfilms.

Die derzeitige Leitung versucht nun, Branche und Öffentlichkeit erst einmal zu beschwichtigen: Das Ganze soll ja nur für dieses eine Jahr 2021 gelten. Aber eine solche Idee verschwindet nicht einfach, sobald sie erst einmal in der Welt ist. Und verkündeten die Manager am 3. Dezember nicht, sie hätten eine Entscheidung für die Zukunft der Firma getroffen? Morgen mehr.

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