Mubi: »My Father's Shadow«
Das preisgekrönte Langfilmdebüt von Akinola Davies Jr. erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte, die auf ungewöhnliche Weise autobiografisch ist
»Vater und Söhne«, das ist eine der ewigen Geschichten des Kinos, und die von Filmemachern gern bemühte »autobiografische Inspiration« ist dabei fast schon ein Klischee für sich. Umso bemerkenswerter ist der persönliche Hintergrund von Akinola Davies Jr.s Langfilmdebüt »My Father's Shadow«, denn die Geschichte erzählt zwar von zwei jungen Brüdern und ihrem Vater, doch Davies hat seinen eigenen Vater nie wirklich kennengelernt, da dieser starb, als Davies 20 Monate und sein Bruder Wale vier Jahre alt war. Als Kinder nigerianischer Migranten wurden die beiden in London geboren und wuchsen in Lagos auf, wo auch »My Father's Shadow« spielt. Das Drehbuch entwickelten sie gemeinsam, und indem sie den frühen Verlust ihres Vaters als Inspiration heranziehen, füllen sie gewissermaßen eine Lücke – der Film illustriert ihre Vorstellung davon, wie das Verhältnis zu ihrem Vater hätte aussehen können. Diese gewissermaßen kindliche Projektion verleiht »My Father's Shadow« eine melancholisch-poetische Grundstimmung.
Die Geschichte ist betont schlicht gehalten: Die auf dem Land lebenden Brüder Akin und Remi dürfen ihren häufig abwesenden Vater nach Lagos begleiten, wo er seinen überfälligen Arbeitslohn einfordern will. Erzählt wird das weitgehend aus der Perspektive der Kinder, die die Reise als Abenteuer erleben und das Stadtleben mit Staunen betrachten.
Dass die Atmosphäre nie ins Sentimentale abgleitet, verdankt sich nicht zuletzt der historischen Rahmung: Die Geschichte spielt 1993, zur Zeit der ersten demokratischen Präsidentschaftswahlen in Nigeria, die am Ende durch das herrschende Militärregime annulliert wurden. Immer wieder fängt die Inszenierung die latent gewalttätige Unruhe jener politischen Situation ein. Vage Andeutungen, dass der Vater als Regimegegner aktiv sein könnte, verleihen dem Geschehen eine subtile Spannung, die allerdings nicht im Vordergrund steht und vor allem die unvermeidliche Politisierung jeden Bürgers in solchen Ausnahmesituationen verdeutlicht.
Im Zentrum steht das Verhältnis der Söhne zu ihrem Vater, den Sope Dirisu (»Gangs of London«) mit berührender Nuanciertheit verkörpert. Er ist für die Jungen gleichermaßen Beschützer, Autoritätsperson und moralische Instanz – auf handfeste Weise überlebensgroß, aber nicht romantisierend. Man spürt, wie er seine arbeitsbedingte Abwesenheit durch eine gewisse Strenge zu kompensieren versucht, wenn er seine jungen Söhne wiederholt zu Höflichkeit, Aufrichtigkeit und Solidarität ermahnt. So bündeln die Davies-Brüder in »My Father's Shadow« Poesie und (Familien-)Politik. Das fiktive Porträt eines Vaters, den sie nie kennenlernen konnten, verschränkt sich mit Erinnerungen an reale historische Ereignisse – das Alter der Filmbrüder entspricht ungefähr dem der Davies-Brüder im Jahr 1993. Erzählt wird all dies durch einen kindlichen Blick auf die Welt, dessen Unschuld trügerisch ist. Nicht nur für einen Erstlingsfilm ist die klischeefreie Souveränität, mit der das gelingt, ziemlich beeindruckend.





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