Buch-Tipp: Ellen Richter. Die große Unbekannte des Weimarer Kinos
Wiederentdeckt: Ellen Richter und andere Filmpionierinnen des Weimarer Kinos
Eigentlich hätte man schon vor fast dreißig Jahren auf Ellen Richter aufmerksam werden können: 1997 strahlte arte den Zweiteiler »Der Flug um den Erdball« aus, in dem sie 1925 als abenteuerlustige Fliegerin in der Tradition US-amerikanischer Serialheldinnen einen starken Eindruck hinterließ. Aber manchmal dauert es etwas länger. Was in diesem Fall nicht zuletzt der Materiallage geschuldet ist. Von den siebzig Filmen, die die Schauspielerin und Produzentin drehte, existiert nur noch ein Viertel (sieben Filme immerhin wurden in den letzten Jahren digital restauriert und stehen Kinos zur Verfügung). Auch existieren kein Nachlass und kaum Selbstzeugnisse.
Die jetzt erschienene Monografie, verfasst von den beiden Filmhistorikern Oliver Hanley und Philipp Stiasny, rekonstruiert Ellen Richters Theaterkarriere aufgrund von Premierenkritiken, würdigt die erhaltenen Filme durch detaillierte Analysen, zu denen auch Miniaturen von fünf weiteren Filmhistorikern gehören, und lässt die nicht mehr erhaltenen Werke durch zeitgenössische Zitate lebendig werden.
Der Band verfügt über eine kommentierte Theatrografie, eine detaillierte Filmografie und ist mit 210 Fotos reich illustriert, darunter eine Reihe von Bildern aus viragierten Filmkopien; auch haptisch ist er mit seinem schönen, schweren Papier ein Buch, das man gerne in der Hand hält.
Möge die Lektüre weitere Kinos inspirieren, aus der großen Unbekannten eine Bekannte der deutschen Filmgeschichte zu machen.
Philipp Stiasny, Oliver Hanley: Ellen Richter. Die große Unbekannte des Weimarer Kinos. Synema, Wien 2026, 320 S., gebunden; € 28,-; erhältlich im Buchhandel und direkt bei SYNEMA:
Buchvorstellung durch die Autoren Philipp Stiasny und Oliver Hanley am Sonntag, den 19.4., um 11 Uhr im Bundesplatz-Kino Berlin, anschließend läuft der Film »Strafsache van Geldern« (1932), in dem Ellen Richter ihre selbstbewusste Ausstrahlung in eine ungewöhnliche Richtung entwickelt: Als Inhaberin eines Modesalons ist sie mit einem angesehenen Strafverteidiger verheiratet, der auch wenig solvente Klienten verteidigt und sich zudem außerhalb des Gerichtssaals um diese kümmert. Leider ist er spielsüchtig und findet Verständnis nicht länger bei seiner Ehefrau, sondern bei einer von deren Angestellten. Damit ist der Punkt erreicht, wo seine Ehefrau das nicht länger toleriert und seine Bitte um Geld rundweg ablehnt. Eine Katastrophe bahnt sich an …
Kino der Weimarer Republik – neu bewertet
Die Wiederentdeckung von Ellen Richter ist glücklicherweise kein Einzelfall, sondern fügt sich ein in eine Neubewertung des deutschen Kinos der Weimarer Republik, die seit einiger Zeit stattfindet. Das Weimarer Kino, das waren lange Zeit »Leuchttürme« wie »Das Cabinet des Dr. Caligari« oder »Die Straße«, viele davon verbunden mit den Namen einiger weniger großer Regisseure: Ernst Lubitsch, Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau, G. W. Pabst – Filmkunst, die international Beachtung fand und ihre Regisseure nach Hollywood führte. Erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurde ein anderes Weimarer Kino entdeckt, das Genre- und Starkino, das die Erwartungen des Publikums durch bestimmte Erzählmuster zu erfüllen wusste. »Kommerzregisseure« (und Produzenten) wie Joe May oder Richard Eichberg rückten ebenso ins Licht wie deren weibliche Stars. Noch länger dauerte es, bis auch die Frauen hinter der Kamera entdeckt wurden: Regisseurinnen, Autorinnen, Produzentinnen, auch Cutterinnen.
Hier bietet eine weitere Neuerscheinung einen guten Einstieg und Überblick: der Sammelband »Weimar, weiblich. Pionierinnen des Kinos der Moderne (1918-1933)« versammelt im ersten Teil die Namen von 46 Frauen, deren Leben und Werk jeweils auf einer Doppelseite vorgestellt werden – zu einigen wenigen gibt es bezeichnenderweise keine Porträtfotos. »Fast alle wurden in den Jahren 1933 bis 1945 aus dem Berufsleben ausgeschlossen«, schreiben die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung. Interessant aber auch, dass man neben Leni Riefenstahl und Thea von Harbou einige weitere Frauen findet, auf die das nicht zutrifft, Hermanna Barkhausen-Böning (deren Sohn Hans Barkhausen ab 1958 Filmreferent des Bundesarchivs war), Marie Luise Droop und Margarete Lindau-Schulz, die sich 1936 als »Nationalsozialistin mit Leib und Seele« bezeichnete. Einige, wie die Autorin Vicki Baum oder die Regisseurin Louise Fleck, wurden in den letzten Jahren bereits mit Retrospektiven gewürdigt, andere stehen bis heute im Schatten ihrer bekannteren Ehemänner, wie Marlene Moeschke-Poelzig (Ehefrau des Architekten Hans Poelzig) oder Hella Moja (Ehefrau des Regisseurs Heinz Paul).
Der Hauptteil des Bandes (zu dem neben den vier Herausgeberinnen weitere dreizehn Filmhistoriker*innen beigetragen haben) bietet ein Gespräch und acht Essays, sowohl zu einzelnen Berufsgruppen als auch zu übergreifenden Aspekten. Der abschließende Teil versammelt Selbstzeugnisse von 13 der Gewürdigten.
Nur Männer waren hinter der Kamera tätig bei »Menschen am Sonntag« (1929), einem Klassiker des Weimarer Kinos (der glücklicherweise regelmäßig zu sehen ist), in dem die Moderne vielfach präsent ist. Beschränkt auf einen einzigen Tag, den zwei junge Frauen und zwei junge Männer, allesamt kleine Angestellte (verkörpert von Laiendarstellern), miteinander verbringen, feiert er den Alltag und die Spontaneität seiner Figuren. Seine ungewöhnliche Produktionsgeschichte, bei der mehrere aufstrebende Talente, die nach 1933 in Hollywood lange Karrieren hatten (Billy Wilder, Fred Zinnemann, Robert und Curt Siodmak, Edgar Ulmer), mitwirkten, ist der Stoff, aus dem Legenden sind, gleichwohl (oder gerade deshalb) mit einer Reihe von Fragezeichen versehen. So erinnern sich die Beteiligten an unterschiedlich umfangreiche Drehbücher, auch wenn die Vorstellung, dass so gut wie alles improvisiert gewesen sei, doch am schönsten ist.
Heike Klapdor widmet sich umfassend der (durchaus nicht immer wertschätzenden) zeitgenössischen Rezeption, analysiert die Besonderheiten des Films, etwa seine »rhetorische Ironie«, arbeitet Parallelen zu bestimmten französischen Filmen der Zeit heraus und folgt seinen Spuren bis in die Gegenwart, etwa zu »Babylon Berlin«, wo die Protagonistin ihn im Kino sieht. Ein reizvolles Wechselspiel aus damaliger Wahrnehmung und dem Blick von heute, der etwa, wenn es um »Geschlechterverhältnisse« geht, 2026 ganz besonders geschärft ist.
Dass das »Kino der Moderne« keine isolierte Kunstströmung war, wird in diesen Büchern immer wieder deutlich; wer mehr darüber wissen will, findet eine ansprechende Lektüre in Sabina Beckers Buch »Experiment Weimar. Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933«. Die erstmals 2018 erschienene Studie wurde jetzt, als »korrigierter Nachdruck«, neu herausgebracht. Erfreulicherweise räumt die Autorin dabei mit einigen langanhaltenden Fehleinschätzungen auf, etwa der Betrachtung der Weimarer Republik von ihrem Ende her, mit der Betonung auf der Krise, oder auch, dass die Weimarer Republik »zwischen Links und Rechts zerrieben wurde«. Eine gut zu lesende, erkenntnisreiche Lektüre.
Daria Berten, Annika Haupts, Anna Heizmann, Kristina Jaspers (Hg.): Weimar, weiblich. Pionierinnen des Kinos der Moderne (1918-1933). edition text + kritik, München 2025; 341 S., € 40,-.
Heike Klapdor: Menschen am Sonntag (filmlektüren, Bd. 10). edition text + kritik, München 2025; 103 S., € 20,-.
Sabina Becker: Experiment Weimar. Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933. edition text + kritik, München 2025; 608 S., € 49,-.





Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns