Mubi: »Cryptozoo«

© MUBI

2021
Original-Titel: 
Cryptozoo
Heimkinostart: 
22.10.2021
V: 
L: 
95 Min
FSK: 
16
Psychedelische Muster

Mischwesen aus Mensch und etwas anderem bevölkern seit Urzeiten Mythologien und befruchten die Fantasie. So auch diesen Animationsfilm, in dem diese Wesen, »Cryptids« genannt, Realität sind, wenn auch nicht offiziell anerkannt. Tierärztin Lauren hat sich der Mission verschrieben, die Kreaturen vor Schwarzmarkthändlern und US-Militärs, welche die »Freaks« als Biowaffen nutzen wollen, zu retten und in ein Refugium zu bringen. Nur ähnelt dieser eingezäunte Cryptozoo, der von der Philantropin Joan geleitet wird, einem Themenpark. Das stört Lauren und ihre Schützlinge zwar, doch sie trösten sich damit, dass der kommerzielle Rummel der Erhaltung dieses Sanctuary diene.

Die Odyssee von Lauren, in der sie, gejagt von Schurken, auf der Suche nach dem chinesischen Fabelwesen Baku ist, das mit seinem Rüssel Alpträume fressen kann, erinnert mal an »Jurassic Park«, mal an den Monsterliebesfilm »Shape of Water«. Wir befinden uns in den späten 60ern, und so taumelt auch ein Hippiepärchen durch die Szenerie; Tarotkarten ersetzen Detektivarbeit, das Böse hat, irgendwie, mit dem Kapitalismus zu tun, und männliche Menschen sind mehr oder weniger »toxisch«.

Ästhetisch ist der zweite Zeichentrickfilm von Avantgarde-Comiczeichner Dash Shaw und seiner Frau Jane Samborski eine Vintage-Wundertüte. Neben der griechischen Antike mit ihren Chimären hat das Paar die Folklore exotischer Länder geplündert. Sind die Exoten in kindergartenbunten Aquarellfarben gehalten, so treten Chimären wie etwa Faun und Gorgone wie Menschen, als grafisch schwarz-weiße, lässig hingekritzelte Skizzen auf. Ihre ruckenden Bewegungen erinnern an ein Papiertheater des 19. Jahrhunderts und an alte Monty-Python-Folgen. Auch die flächige Staffelung ähnelt Kinderzeichnungen. Die Hintergründe bestehen aus psychedelischen Mustern und Traumlandschaften à la »Yellow Submarine«. Auch dank der trancehaften Rhythmen des Musikers John Carroll Kirby wird man in diesen von liebevollen Details überbordenden Trip hineingezogen.

Und dies, obwohl die Handlung bald enerviert: nicht weil in pseudonaiver Collage eine Geschichte voller Sex und Gewalt erzählt wird, in der eine Frau aus unerfindlichen Gründen dauerhaft nackt und blutverschmiert herumläuft (die Präsentation im Berlinale-Wettbewerb Generation 14 plus ist ein merkwürdiges Missverständnis). Oder weil die Animationskünstler, bekifft von anything goes, eine gerade Linie von diversity über genderfluid bis hin zum Transhumanismus ziehen.

Wo die Gestaltung ein verspieltes Pastiche, also inhärent ironisch, ist, wird leider zunehmend unklar, ob sich diese Ironie auf die Moral von der Geschicht' erstreckt. Letztlich erzählt das hippe Märchen eine Parabel über den Fluch der guten Tat. Nebenbei aber wird eine pervertierte Mother Earth-Figur zum Ideal erhoben: eine Frau, die ihre in einen Käfig eingesperrten »Kinder« zur Bedürfnisbefriedigung benutzt. Ist das Satire – oder womöglich ernst gemeint?

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