Buch-Tipp: Die Geschichte des Animationsfilms in Deutschland

»Armer Hansi« (Kurzfilm, 1943)

»Armer Hansi« (Kurzfilm, 1943)

Konkurrenz für Disney?

Die einen träumten vom Großdeutschen Reich, die anderen von dessen Umsetzung in der Kunst – etwa Zeichentrickfilme herzustellen, mit denen man Disney Paroli bieten konnte. Gescheitert sind sie beide. Während Disney als Synonym für Animationsfilme immer noch funktioniert, ist über die Geschichte des deutschen Animationsfilms dagegen wenig bekannt, auch verglichen mit anderen Bereichen der nationalen Filmgeschichte. Zwar gab es um die Jahrtausendwende mehrfach Anstrengungen, das zu ändern, darunter Günter Agdes Buch »Flimmernde Versprechen« (1998), die erste Gesamtdarstellung in Annika Schoenemanns Dissertation 2003, die abendfüllende Filmdokumentation »Muratti & Sarotti« (1999), ein Symposium der Berliner Kinemathek, einen Themenabend bei arte, eine von Cinegraph Babelsberg herausgegebene Bibliografie zum Thema, diverse DVD-Veröffentlichungen, darunter eine Werkausgabe der Filme Lotte Reinigers und nicht zuletzt, besonders verdienstvoll, »Die Geschichte des deutschen Animationsfilms« auf sechs DVDs. Jetzt widmen sich gleich zwei neue Buchveröffentlichungen dem Thema, die sich vor allem mit den Produktionsumständen beschäftigen.

Herma Kennel erzählt die Geschichte des Trickfilmpioniers Wolfgang Kaskeline (1892-1973) als Familiengeschichte – verständlich, denn der Ausgangspunkt ihrer Veröffentlichung war die Bekanntschaft mit dessen Sohn Horst, der ihr ein von ihm verfasstes Manuskript über seinen Vater übergab. Weitere Informationen wurden durch eigene Recherchen und die Befragung von Familienmitgliedern zutage gefördert. Kaskeline bewies schon zu Schulzeisten sein zeichnerisches Talent und besuchte ab 1909 die Kunstgewerbeschule in Hamburg. 1917 wurde er als Zeichenlehrer zugelassen und bekam eine Anstellung. 1923 gründete er die Kaskeline-Film GmbH und produzierte Werbefilme, die ab 1925 in den Kinos zu sehen waren. Ende 1926 bekam er eine Festanstellung bei der Ufa als Chefzeichner. Sein erster Film in Farbe und mit Ton, in dem marschierende Milchflaschen für die Meierei Bolle warben, war 1928 ein großer Erfolg. Im selben Jahr wurde er Leiter des Ufa-Trickfilmstudios und war »der einzige Werbefilmer, dessen Name im Vorspann genannt wurde«. 

Als im März 1933 von ihm ein »Ariernachweis« gefordert wurde, geriet er in Bedrängnis, hatte er doch väterlicherseits jüdische Vorfahren. Zusammen mit seiner Ehefrau erfand er eine Familiengeschichte mit falschen Namen und präsentierte später eine neue Geburtsurkunde. All das wurde jedoch vom sogenannten »Sippenamt« enttarnt. Aus der Reichsfilmkammer ausgeschlossen, durfte er jedoch bis auf weiteres mit einer (mehrfach erneuerten und verworfenen) Sondergenehmigung weiterarbeiten. In den letzten Jahren vor Kriegsende war er für verschiedene Auftraggeber tätig, doch die Arbeiten blieben unvollendet. Nach Kriegsende ging es wieder aufwärts, mit neuen Werbefilmen, einer Lehrtätigkeit und Arbeiten für den Rundfunk, wo er sich vor allem als Meister pointierter Reime erweist. Er konnte einen Preis bei der Venedig-Biennale entgegennehmen und »erfindet den Sarotti-Mohr neu«. Als Auftraggeber verlangen, den Namen ihres Produktes nicht erst am Ende zu nennen, wie bisher üblich, sondern ihn mantraartig im ganzen Werbefilm auszusprechen, wandte er sich zunehmend dem Kulturfilm zu. 

»Wolfgang Kaskeline arbeitet wie besessen und versucht die Frage nach seiner Herkunft mit Fleiß und Erfolgen zu kompensieren«, schreibt die Verfasserin an einer Stelle: sie zeichnet das Bild eines obsessiven Arbeiters, der vom Animationsfilm fasziniert war und versuchte, sich im Dritten Reich durchzulavieren – was nicht nur für ihn gelten dürfte. Gerne hätte man Detailliertes über die Techniken seiner Filme gelesen, auch die Tatsache, dass diese auch nach 1933 oft noch mit abstrakten Motiven arbeiteten, fand ich bemerkenswert. Die acht farbigen Bildseiten, die den Band, zusammen mit einer umfassenden Filmografie, beschließen, wecken jedenfalls große Lust darauf. Am schönsten wäre natürlich eine beiliegende DVD gewesen, zumal sich in der eingangs erwähnten Edition nur ein einziger Film (und ein weiterer, der seinem Sohn zugeschrieben wird) von ihm findet. 

Kaskelines letzter Arbeitgeber im Dritten Reich war die Deutsche Zeichenfilm GmbH (DZF), wo er im Oktober 1944 zum Chef der Produktion ernannt wurde. Hier träumte man seit 1941 davon, es mit einem abendfüllenden Zeichenfilm Disney gleichzutun und ihn sogar zu überflügeln. Dass Hitler Disneys Filme schätzte, ist bekannt, von Goebbels erhielt er 1937 zwölf Micky-Maus-Kurzfilme als Weihnachtsgeschenk. Von Disneys erstem Langfilm »Schneewittchen und die sieben Zwerge«, der Weihnachten 1937 in die amerikanischen Kinos kam, wurde eine deutsche Synchronfassung erstellt, die jedoch nicht mehr zur Aufführung kam. Szenen daraus wurden allerdings von Mitarbeitern der DZF Bild für Bild kopiert, um daraus zu lernen, bevor das Propagandaministerium am 4.10.1944 aus den verschiedensten Gründen die Orientierung an dem Disney-Film verbot. 

Das erfährt man aus dem Buch von Rolf Giesen, »Bienenstich und Hakenkreuz«, das sich der Geschichte der DZF widmet. Die musste kurz vor Kriegsende wegen der Bombardierungen nach Dachau umziehen – in die Nähe des Konzentrationslagers, darauf bezieht sich der Untertitel des Buches. Giesens Text reicht zurück bis zu den frühen Angeboten der Amerikaner für eine Kooperation 1933 (von deutscher Seite immer wieder abgelehnt) und macht den Ehrgeiz, es Disney gleichzutun oder ihn sogar zu überflügeln, durch Zitate von Beteiligten deutlich. Dafür konnte er auch auf eine Reihe von bisher nicht ausgewerteten Interviews mit früheren Mitarbeiter*innen der DZF zurückgreifen, die von seinem Kollegen J.P. Storm zwischen 1988 und 2014 geführt wurden. Giesens Resümee fällt ernüchternd aus. »Die Bilanz des deutschen Zeichenfilms unter nationalsozialistischer Führung ist desaströs. Nur ein einziger fertig gestellter Film (»Armer Hansi«), der, da ein Kurzfilm, nicht viel eingespielt hat und schon ein Jahr zurückliegt, vier abgebrochene Produktionen, ein Film in Produktion (»Purzelbaum ins Leben«) und ein weiterer (…) gerade erst angefangen. Die erhofften Animations-Spielfilme liegen in weiter Ferne und sind reine Gedankenspielerei. In dieses magere Output sind letztlich Millionen investiert worden.« Wie Wolfgang Kaskeline setzten auch die Protagonisten der DZF ihre Karrieren nach 1945 fort, überwiegend im Werbefilm, der seinen Anteil daran gehabt haben dürfte, den Konsum der Bundesdeutschen anzukurbeln. Hans Fischerkoesen wurde sogar die Ehre zuteil, vom Magazin »Der Spiegel« 1956 mit einer Titelgeschichte gewürdigt zu werden. Dass einige der Animationsfilmer, zumal der Autor Horst von Möllendorff (dessen Gebaren im Dritten Reich Giesen als »geschäftstüchtig« charakterisiert) und der Regisseur Gerhard Fieber (der den ersten abendfüllenden deutschen Zeichenfilm nach dem Krieg inszenierte und später beim Werbefernsehen unterkam), für eindeutige Propagandaarbeiten verantwortlich gezeichnet hatten, bereitete ihnen in der Bundesrepublik keine Probleme. Zehn Kurzbiografien im Anhang zeigen diese Kontinuitäten, von Fieber ist darüber hinaus eine antisemitische Karikatur abgebildet, die seine Gesinnung belegt. Neben einem Register verfügt der Band über eine umfassende Bibliografie.   

 

Herma Kennel: Als die Comics laufen lernten. Der Trickfilmpionier Wolfgang Kaskeline zwischen Werbekunst und Propaganda. be.bra Verlag, Berlin 2020. 240 S., 24 €.

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Rolf Giesen: Bienenstich und Hakenkreuz. Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH. Mühlbeyer Filmbuchverlag, Frankenthal 2020. 168 S., 16,90 € (E-Book: 11,99 €).

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