Apple TV+: »Mr. Corman«

»Mr. Corman« (Miniserie, 2021). © Apple TV+

»Mr. Corman« (Miniserie, 2021). © Apple TV+

Das kann doch noch nicht alles gewesen sein

»Was machen wir heute?«, fragt Josh Corman (Joseph Gordon-Levitt) seinen Kumpel Victor (Arturo Castro), mit dem er zusammenlebt, seit die letzte Beziehung vor einem Jahr in die Brüche ging. Die Verblüffung, mit der Victor reagiert, offenbart, dass das noch gestern eine Frage war, die sich gar nicht erst stellte. Zwei Thirtysomethings auf der Couch, der eine gabelt Nudeln mit Öl und Salz, die der andere vor ein paar Tagen wohl auch gegessen hätte. Doch heute ist die anspruchslose Gelassenheit des Lebens dahin, und das nur, weil im lokalen Lädchen eine in der Schlange hinter Josh telefonierende Frau die Aussicht auf einen Freitagabend in der Kneipe aufregend fand. Vielleicht müsste man auch etwas mehr vom Leben wollen, aber was nur?

Wie aus einer winzigen Irritation eine existenzielle Frage entstehen kann, die ein ganzes Leben auf den Prüfstand stellt, damit beginnt »Mr. Corman«. Im Grunde nicht viel, und doch liegt darin die ganze menschliche Existenz, mit all ihren Zweifeln, Ängsten, Enttäuschungen und Hoffnungen. Chaotisch wie das Leben, das sich auch nicht in die Dramaturgie eines Drehbuchs oder die Regeln eines Genres fügt, wechselt auch die Serie Stimmung und Farbe, ist mal Drama, mal Komödie, mal surreales Märchen, kreist eng um Josh, nur um dann auch mal eine ganze Folge lang bei seinem Kumpel Victor zu verweilen.

Der Schauspieler Joseph Gordon-Levitt ist 40 und vor kurzem Vater geworden, ein schöner Anlass für ein verspieltes Selbstreflexionsabenteuer, für die serielle Verarbeitung einer kleinen Midlife-Crisis. Und wie schon bei seinem Regiedebüt »Don Jon«, in dem er einen Pornosüchtigen spielte, schont sich der Star dabei überhaupt nicht, im Gegenteil, er setzt sich den Blicken der Kamera ziemlich schutzlos und völlig uneitel aus.

Josh ist eine fiktionalisierte Version von Joseph, in der Serie ist er Lehrer einer fünften Klasse. Lehrer, das seien ja nur Leute, die eigentlich etwas anderes wollten und aufgegeben haben, frotzelt eine Frau nach einem unerfreulichen Date. In gewisser Weise stimmt es, Joshs wahre Leidenschaft gehört der Musik, am Anfang jeder Folge tüftelt er als One-Man-Band an Tonaufnahmen. Und trotzdem ist er ein liebenswerter und durchaus inspirierter Lehrer, der die Multikulti-Schüler seiner Klasse zum Denken und Fühlen anstiftet.

Eigentlich freute sich Joseph GordonLevitt, dass er die zehnteilige Serie als Creator, Koautor, Hauptdarsteller, ausführender Produzent und Regisseur der meisten Folgen bequem zu Hause in den Straßen von L.A. drehen konnte. Doch dann funkte Corona dazwischen, nach drei Wochen Dreh und sechs Monaten Zwangspause musste die Produktion nach Neuseeland verlagert werden. Und die Nähe zur Wirklichkeit bedeutete, dass sich das Virus nicht wegleugnen ließ. In den letzten drei Folgen verstärkt es die Existenz- und Lebensängste von »Mr. Corman«, verlagert seinen Unterricht auf den Zoombildschirm, und am Ende zeigt sich, dass ein Flirt auch unter sterilen Zoombedingungen flirren kann.

Im Wesentlichen besteht »Mr. Corman« aus Menschen, die miteinander redend Gedanken ausprobieren. Die Serie ist eine Collage aus Alltagsbegegnungen, doch neben den starken Wurzeln in der Wirklichkeit treibt sie auch bizarre Blüten in der Fantasie von neurotischen Ängsten, bösen Träumen und surrealen Märchen, ein bisschen so, als hätten sich John Cassavetes und Michel Gondry zusammengetan, um ihre Ängste einzufangen und zu verzaubern.

Viel ist dabei eingeflossen, von den experimentellen Synergien, die Joseph Gordon-Levitt seit 2010 in seiner crowd-kreativen Medienfirma HitRecord anstiftet. Da geht ein kleiner Disput zwischen Mutter (Debra Winger) und Sohn in eine schwungvolle Musicalnummer über, und in der Folge »Many Worlds« werden viele verschiedene Versionen von Joshs Leben rasant durchgespielt, in einer Welt, in der die Größenverhältnisse auf den Kopf gestellt sind, in der Häuser als Sitzmöbel fungieren und Lippenstift, Büroklammer und Weinflasche prominente Einrichtungsgegenstände sind.

Die Art, wie einem hier ganz normale Menschen ans Herz wachsen, wie einfachste Situationen einen Zauber entwickeln, wie klägliche Momente komisch werden und aus alltäglichem Wortgeplänkel tiefsinnige Wahrheiten übers Leben entstehen, weckt auch Erinnerungen an Judd Apatow und seine Crew.

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