Streaming-Tipp: »Homemade«

»The Lucky Ones« (Regie: Rachel Morrison) in »Homeland« (2020). © Netflix

»The Lucky Ones« (Regie: Rachel Morrison) in »Homeland« (2020). © Netflix

Zoom-Konferenz mit Verflossenen

Ein Mangel an Mitteln und Freiheit soll bisweilen durchaus förderlich sein fürs kreative Schaffen. Die Isolation in der Corona-Krise haben sich der chilenische Autorenfilmer Pablo Larraín (»El Club«, »Jackie«) als Initiator und Produzent der Kurzfilm-Kompilation »Homemade« und die 17 von ihm verpflichteten Regisseure und Regisseurinnen zunutze gemacht, um in der Quarantäne ihre Gedanken zur Pandemie filmisch umzusetzen.

International renommierte Namen sind auf dieser illustren Liste, Namen wie Naomi Kawase aus Japan, Ladj Li aus Frankreich und Paolo Sorrentino aus Italien sowie Hollywoodstars wie Kristen Stewart und Maggie Gyllenhaal, die sich hinter der Kamera versuchen. Und wie bei jedem Omnibusfilm, etwa den zahlreichen »I Love You«-Städte-Porträts über Paris, New York und Rio, sind auch die Ergebnisse dieses Netflix-Projekts stilistisch und formal so vielseitig wie ihre Macher:innen – und auch von höchst unterschiedlicher Qualität.

Larraín etwa nutzt in seinem eigenen Beitrag »Last Call« kurzerhand die Ästhetik der allgegenwärtigen Videochats mit Splitscreen, um eine ebenso simple wie augenzwinkernde Geschichte eines älteren Herrn zu erzählen, der aus dem Altenheim eine frühere Freundin anruft, die er seit Jahren nicht gesehen hat, und ihr seine ewige Liebe gesteht. Ausführlich und mit blumigen Worten beschwört er seine Zuneigung, ein rührender Appell, nicht zuletzt angesichts der Pflegerinnen mit Mundschutz im Hintergrund des Videotelefonbilds. Die Angebetete lauscht seinen Liebesschwüren, bis zur überraschenden, effektiv eingesetzten Wendung, die alles Gehörte mit einem Einzeiler entlarvt. Eine ebenso charmante Idee hat Paolo Sorrentino bei »Voyage au bout de la nuit«, wenn er in seinem Haus in Rom Papst Franziskus und die britische Queen als Souvenirfiguren aufeinandertreffen lässt und sie sich darüber kabbeln, womit sie sich im Vatikan während des Lockdowns die Zeit vertreiben sollen, »The Crown« oder »The Two Popes«. Eine ironische Puppentheaterminiatur mit brillanten Dialogen.

Ana Lily Amirpour nutzt Drohnen und extreme Fischauge-Optiken, um in »Ride It Out« eine junge Frau (die Regisseurin selbst) auf dem Fahrrad durch das fast völlig verwaiste Los Angeles cruisen zu lassen, das wie nach einer Apokalypse wirkt und dabei völlig ohne teure Special Effects auskommt, weil die Realität bizarrer als jede Computersimulation wirkt. Dazu philosophiert Cate Blanchett als göttliche Stimme über die Existenz, Perspektivwechsel und kreative Prozesse.

Filmstar Kristen Stewart setzt sich in »Crickets« selbst in Szene, macht ihr Gesicht in Großaufnahme zum Spektakel und monologisiert dabei über Schlaflosigkeit, Langeweile und psychische Gesundheit. Ihre Kollegin Maggie Gyllenhaal inszeniert in ihrem mit digitalen Tricks etwas überproduziertem »Penelope« Ehemann Peter Sarsgaard als Einsiedler in seiner Alltagsroutine weitab der Zivilisation, während die Stimme aus dem Radio immer neue Schreckensnachrichten meldet. Auch andere haben Familienmitglieder für teils sehr persönliche Reflexionen eingespannt, Nadine Labaki und Khaled Mouzanar in Beirut (»Mayroun and the Unicorn«) und Natalia Beristáin (»Espacios«) in Mexico City jeweils ihre kleinen Töchter, David Mackenzie in Glasgow (»Ferosa«) gleich die ganze Familie.

Manche der vier bis elf Minuten langen Filme wirken dagegen etwas blass oder manieriert, Kawases achtsames Experimental-Essay »Last Message« etwa oder Sebastian Schippers halluzinatorische Selbstbespiegelung in den eigenen vier Wänden. Am Ende sitzen drei Schippers zusammen und singen zusammen den titelgebenden Notwist-Song »Casino«: »There is something wrong with me. And maybe there is something wrong with all of us.« Davon unbenommen sind die siebzehn Kurzfilme Zeitdokumente dieser merkwürdigen Monate, die wir alle erlebt haben, alleine und zusammen zugleich. Und einem guten Zweck dient das Projekt am Ende auch: Der Hardship Fund des Streamingdienstes unterstützt damit durch die Corona-Krise in Not geratene Filmschaffende.

Homemade (Chile/Italien 2020). C: Pablo Larraín, Juan de Dios Larraín, Lorenzo Mieli. Regisseure: Ana Lily Amirpour, Natalia Beristáin, Antonio Campos, Gurinder Chadha, Maggie Gyllenhaal, Naomi Kawase, Nadine Labaki, Pablo Larraín, Sebastián Lelio, Ladj Ly, Johnny Ma, David Mackenzie, Rachel Morrison, Khaled Mouzanar, Rungano Nyoni, Sebastian Schipper, Paolo Sorrentino, Kristen Stewart. Format: 1 Staffel, je 17 Folgen à ca. 5–10 Minuten. Anbieter: Netflix.

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