Streaming-Tipp: »The Politician«

»The Politician« (2019). © Netflix

»The Politician« (2019). © Netflix

Politik als Kindergarten

Wer die teils absurden Auswüchse des politischen Systems der USA verstehen will, dem sei dringend die neue Serie »The Politician« empfohlen, auch wenn die erste Netflix-Produktion des umtriebigen Creators Ryan Murphy (»American Horror Story«, »Glee«) mehr mit Reese Witherspoons Highschool-Satire Election gemein hat als mit Aaron Sorkins White-House-Epos The West Wing. Beide Vorgänger wirken jedoch gegen den schillernden Neuling wie aus einer anderen Ära, fast unschuldig. Payton Hobart (Ben Platt) ist Adoptivsohn einer der reichsten Familien Santa Barbaras. Seit seinem siebten Lebensjahr weiß der Schüler, dass er einmal Präsident der USA werden wird. An Ambition und Selbstbewusstsein mangelt es ihm also nicht. Auf dem Werdegang zum mächtigsten Mann der Welt muss er seinen ersten Wahlkampf gewinnen: die Ernennung zum Schulsprecher, koste es, was es wolle. Schließlich gilt es, einen Studienplatz in Harvard zu sichern, und keinesfalls darf der Eindruck entstehen, er würde dort nur wegen des Scheckbuchs seiner Familie landen. Seine Mitschüler für sich zu einzunehmen, wird so ein strategisch bis ins Detail geplantes Manöver, bei dem Payton und seinem Wahlkampfteam so ziemlich jedes Mittel recht ist, vermeintlich krebskranke Mitschülerin als Running Mate inklusive...

Das Setting Highschool als gesellschaftlicher Mikrokosmos ist clever gesetzt: Durch diesen Kunstgriff wird der Politzirkus zum elitären Kindergarten, in dem die möglichen Führungspersönlichkeiten von morgen als unreife Figuren erscheinen, die nach Anerkennung und Relevanz lechzen. Die Hauptmotivation ihres Engagements ist nie selbstlos, sondern letztlich ein verzweifelter Schrei nach Liebe. Die Dialoge dieser Satire sind oft rasant und auf den Punkt, der Humor ist bissig und im besten Sinne politisch unkorrekt. Murphys neuester Streich verbindet das Bullying an der Schule aus Glee und die Campiness von »American Horror Story« mit politischen Seitenhieben und aktuellen popkulturellen Bezügen wie in den beiden »American Crime Story«-Staffeln um O.J. Simpson und den Versace-Mord. Stilistisch bleibt Murphy seinem Motto »Mehr ist besser« treu: Dekor und Kostüme farbenfroh zu nennen, wäre eine leichte Untertreibung, alles wirkt überlebensgroß und verstärkt so nicht nur den satirischen Tonfall, sondern ist vor allem selbst auf kleinem Display ein Sehvergnügen.

Eine der erstaunlichen Entscheidungen ist die für einen ambivalenten Protagonisten, dessen skrupelloser Machtwille wenig sympathisch ist. Dass dieser Soziopath mit Selbstverständlichkeit schwul ist, bedient dabei kein Stereotyp, sondern ist als Zeichen echter Diversität unbedingt zu begrüßen. Endlich steht ein (vermeintlich) marginalisierter Charakter im Zentrum einer Serie und muss dabei nicht gut, empathisch und ungefährlich sein! Ein langer Weg, selbst für Überflieger Ryan Murphy, dem 1999 für seine TV-Serie »Popular« noch eine schwule Figur versagt wurde und der zuletzt mit der Vogueing-Serie »Pose« voller nonbinärer Figuren und Darsteller Fernsehgeschichte schrieb. Bei »The Politician« nimmt er nun weder auf Werbekunden noch auf den angeblichen Massengeschmack Rücksicht. Wer sonst würde Gwyneth Paltrow herrlich selbstironisch eine Upperclass-Ehefrau spielen lassen, die eine Affäre mit einer Pferdetrainerin hat, gespielt von der lesbischen Tennislegende Martina Navratilova? Das Kuriose ist dabei nicht so sehr der exzentrische Inhalt an sich, sondern dass dieser inzwischen selbst Mainstream ist.

»The Politician« ist die erste Produktion des 300 Millionen Dollar schweren Mega-Deals, den Netflix und Ryan Murphy für die nächsten fünf Jahre geschlossen haben. Sein Einstand ist entsprechend starbesetzt, mit alten Wegbegleitern wie Jessica Lange und namhaften Neuzugängen wie Bette Midler und January Jones. Eine zweite Staffel ist bereits bestellt.

OV-Trailer

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