Interview: Ben Platt über seine Rolle in »The Politician«

Ben Platt am Set von »The Politician« (Serie, 2019). © Netflix

Ben Platt am Set von »The Politician« (Serie, 2019). © Netflix

Musical-Fans dürfte der Name Ben Platt dank Shows wie »The Book of Mormon« oder »Dear Evan Hansen« schon seit einiger Zeit ein Begriff sein. Für letzteres Stück gewann der 26-jährige Amerikaner 2017 sogar einen Tony Award und ein Jahr später den Grammy. Mit der von Ryan Murphy entwickelten Serie »The Politician« (seit 27.9. bei Netflix) wird der offen schwule Schauspieler, der auch schon in einer Folge von »Will & Grace« zu sehen war und im vergangenen Frühjahr sein erstes Solo-Album »Sing to Me Instead« veröffentlichte, nun noch ein ganz anderes Publikum für sich erobern

Ben, von kleinen Filmrollen etwa in »Pitch Perfect« abgesehen, sind Sie bislang vor allem mit Broadway-Musicals bekannt geworden. Haben die Erfolge auf der Bühne Ihnen letztlich nun die Hauptrolle in der Serie »The Politician« beschert?

Das könnte man vermutlich so sagen. Als ich mit dem Musical »Dear Evan Hansen« in New York auf der Bühne stand, sah Ryan Murphy sich das Stück dort an und meldete sich anschließend bei mir. Er machte mir viele nette Komplimente und meinte, dass er gerne mal mit mir arbeiten würde, aber ich hatte diesbezüglich erst einmal keine allzu großen Erwartungen. Schließlich sagt man so etwas schnell mal, und gerade Ryan hat ja immer so viele Serien-Projekte gleichzeitig, dass ich mir sicher war, er würde gar keine Zeit haben, weiter groß über mich nachzudenken.

Offensichtlich lagen Sie falsch...

Ja, erfreulicherweise (lacht). Ein paar Monate später hatten wir Spielpause und ich war in Los Angeles, da lud Ryan mich zum Essen ein. Ich dachte, er würde einfach plaudern wollen und vielleicht ein paar vage Ideen für die Zukunft haben. Aber stattdessen präsentierte er mir das komplette Konzept für »The Politician«, dass er eigens für mich entwickelt hatte. Ich konnte es kaum glauben, dass er mir eine solche Chance einfach so anbot – und gleichzeitig auch noch wollte, dass ich als einer der Produzenten an der Serie beteiligt bin.

Setzte Sie das nicht auch ganz schön unter Druck?

Ja und nein. Natürlich hatte ich das Gefühl, beweisen zu müssen, dass ich dieses Vertrauen auch wert bin. Quasi als Kapitän ein solches Projekt zu steuern, war für mich eine neue Erfahrung, die mir durchaus Respekt einflößte. Aber gleichzeitig fühlte ich mich unglaublich gut aufgehoben und beschützt. Die tollen Drehbücher, die wunderbaren Kollegen, all das gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Denn auch wenn meine Figur im Zentrum dieser Geschichte steht, gibt es darin ja jede Menge anderer Figuren und Handlungsstränge, ohne die es auch nicht ginge. Lange Rede, kurzer Sinn: ich kann nicht leugnen, dass ich einen gewissen Druck empfunden habe, die Sache nicht zu vermasseln. Nur war genau diese Herausforderung eben auch besonders reizvoll.

Sie spielen Payton Hobart, einen Schüler mit dem Traum, eines Tages Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Der erste Schritt dazu ist die Wahl zum Schülersprecher – und schon dabei geht er mit einem gnadenlosen Masterplan vor. Um es mal so auszudrücken: absolut sympathisch ist dieser Kerl nicht immer, oder?

In der Tat nicht. Payton ist unglaublich ehrgeizig, durchtrieben und eigennützig. Schon als Ryan ihn mir zum ersten Mal beschrieb, dachte ich mir: der ist eigentlich fast ein kleiner Soziopath. Unter anderem deswegen war ich ja so erstaunt, dass er diese Rolle für mich geschrieben hatte, denn bislang hatte ich immer eher den Typ »lieber, netter Außenseiter« verkörpert. Als Payton musste ich jetzt echt andere Seiten aufziehen, und das machte mir zunächst Angst. Aber genau diese Angst ist für uns Schauspieler natürlich das, was unsere Arbeit richtig interessant macht.

Wie ehrgeizig und getrieben sind Sie selbst, wenn es um das Erreichen Ihrer Ziele geht?

Ich würde mal denken, dass ich deutlich mehr Empathie für meine Mitmenschen habe als Payton, deswegen setze ich meine Pläne hoffentlich nie ohne Rücksicht auf Verluste um. Aber großer Ehrgeiz und das konsequente Verfolgen von Zielen, die ich mir gesetzt habe, sind mir selbst nicht fremd. Ich bin definitiv niemand, der immer nur alles auf sich zukommen lässt und bloß in den Tag hinein lebt.

Sprich: dass die Karriere als Schauspieler war von langer Hand geplant?

Könnte man so sagen (lacht). Ich war fünf Jahre alt, als ich das erste Mal auf einer Bühne stand – und dieses aufregende Kribbeln im Bauch, live vor Publikum aufzutreten, wollte ich danach immer und immer wieder spüren. Spätestens mit acht Jahren war mir klar: das will ich auch beruflich machen. Etwas anderes kam für mich nie in Frage. Und weil ich, auch dank meines Vaters, vor allem mit Theater und insbesondere Musicals groß wurde, waren meine Ziele und Träume immer ganz klar umrissen: ich wollte am Broadway auf der Bühne stehen, irgendwann die Hauptrolle in einem neuen Musical spielen und schließlich einen Tony Award gewinnen. Erst als ich das erreicht hatte, fing ich ernsthaft an zu überlegen, was mich noch interessieren könnte. Eben beispielsweise Schauspielerei mal ganz ohne Gesang, oder auch ein eigenes Album, das ich ja nun im Frühjahr herausgebracht habe.

Sie haben all das schon erreicht und feiern diesen September trotzdem gerade erst Ihren 26. Geburtstag. Mussten Sie überhaupt je mal Rückschläge oder Niederlagen verkraften?

Natürlich lief nicht immer alles zu 100% reibungslos. Ich weiß gar nicht, ob es irgendwen gibt, der so gar keine Momente der Frustration kennt. Aber tatsächlich habe ich das unglaubliche Glück, dass mir echte Rückschläge bislang eigentlich erspart geblieben sind. Im Großen und Ganzen lief wirklich alles bemerkenswert glatt, und dafür bin unglaublich dankbar. Wobei das eben auch sicherlich nicht nur Glück war. Zum einen habe ich einen Vater, der mich als Film- und Theaterproduzent früh mit dieser Welt vertraut machen konnte, in die es mich gezogen hat. Und zum anderen habe ich vor allem sehr früh gewusst, was ich will und wo meine Stärken liegen. Statt mich in irgendwelche Schubladen stecken zu lassen oder den Werdegang von Kollegen zu imitieren, habe ich ganz bewusst auf das gesetzt, was mich ausmacht und anders sein lässt als die anderen, um so meinen eigenen Weg zu finden. Nur dass der so schnurgerade verlaufen würde, hat mich dann selbst ein wenig überrascht.

Apropos Schubladen: die spielen – wie fast immer in Ryan Murphys  Serien – in »The Politician« so gar keine Rolle, weder vor noch hinter der Kamera. Sowohl bei der Besetzung als auch in der Geschichte wird das gesamte LGBTQ+-Spektrum abgedeckt, ohne das viel Aufhebens darum gemacht würde. Ist diese Selbstverständlichkeit eine wunderbare Utopie oder würden Sie sagen, dass dies zumindest in Ihrer Generation inzwischen der Realität entspricht?

Wahrscheinlich von beidem ein bisschen. Ich finde es schon sehr bemerkenswert, wie viel sich in dieser Hinsicht getan hat, und wenn ich mich umsehe unter meinen Altersgenossen und nicht zuletzt jüngeren Kids, dann macht mir das viel Mut für die Zukunft. Aber natürlich ist die Welt, die wir in »The Politician« zeigen, kein Abbild der Realität. Für die Handlung und den Kern der Figuren ist es in der Serie wirklich nebensächlich, wer hier wen liebt oder mit wem ins Bett geht oder sich wie definiert. Und gerade das finde ich als Botschaft unglaublich wichtig und kraftvoll. Denn es ist vielleicht weniger eine Utopie als ein Ideal, an dem wir uns orientieren sollten.

Sie selbst hatten Ihr öffentliches Coming Out in diesem Jahr, und natürlich wurden Sie damit automatisch auch zu einer Identifikationsfigur für junge queere Kids. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Das weiß ich noch gar nicht so genau. Eigentlich macht mich der Gedanke, ein Vorbild zu sein, ziemlich nervös. Denn jeder soll ja seinen eigenen Weg gehen und nicht jemandem wie mir nacheifern. Diese Position habe ich nie angestrebt, nicht als Schauspieler und schon gar nicht als schwuler Mann, denn das ist ja nichts, was ich mir ausgesucht habe. Aber ich freue mich natürlich auch und bin stolz, wenn es anderen hilft zu sehen, dass ich einfach ich selbst bin. Dass ich schwul bin, ist ein Teil von mir, genau wie dass ich jüdisch bin, mit Leib und Seele New Yorker bin oder an einer kleinen Angststörung leide. 

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns