Film des Monats Januar »Die Wütenden – Les Misérables«

© Wild Bunch/Alamode Film

Empfohlen von der Jury der Evangelischen Filmarbeit

Wenn beim WM-Sieg alle Franzosen vor Freude jubeln und die Trikolore schwenken, darf das nicht über die immensen sozialen Spannungen im Land hinwegtäuschen. »Die Wütenden« nimmt den Zuschauer mit nach Montfermeil, einen tristen Vorort von Paris, der von Einwanderern aus unterschiedlichen Ländern geprägt ist. Ohne Schwarz-Weiß-Zeichnung zeigt der Film den Alltag von Jugendlichen in einem Plattenbauviertel, das nach eigenen Gesetzen funktioniert. Wer hier aufgewachsen ist, weiß um die internen Machtverhältnisse. Da ist Salah, die moralische Instanz der Muslime im Viertel. Sein Dönerladen ist Anlaufstelle für Probleme aller Art. Ein selbst ernannter Bürgermeister versucht mit korrupter Allmacht, die vielfältigen Interessen im Viertel auszugleichen, um gewalttätige Konflikte zu minimieren. Zu diesem austarierten Gewaltmobile gehört auch die Polizei. Das Team wird geleitet von Chris, einem rassistischen, gewaltbereiten Cop, der nach der Devise handelt: »Das Gesetz bin ich.« Dazu kommen der im Viertel aufgewachsene Gwada und Stéphane, der Neue. Letzterer gleicht einem Fremdkörper. Er versucht, seinen gesetzesgemäßen Verhaltensmustern treu zu bleiben. Als ein Löwenbaby von der Jugendgang aus dem Zirkus gestohlen wird und die überforderten Polizisten auf den Anführer der Bande schießen, droht das fragile  Machtgleichgewicht zu zerbrechen.

Der Film vermeidet es, parteiisch zu werden. Die übergriffige Gewalt der Polizei wird mit maßloser Gewalt der Jugendlichen beantwortet. Dieser Film deckt die Wirklichkeit der Vorstädte von Paris auf, die sich fundamental vom Stadtzentrum unterscheiden. Wie Stéphane, der von außen kommende Polizist, schnell Teil des Problems wird, das keine Unterscheidung zwischen Opfer und Tätern mehr zulässt. Es ist jener Stadtteil, in dem Victor Hugo 1862 seinen Roman »Les Misérables« geschrieben hat. Viel scheint sich seit damals nicht verändert zu haben. Oder doch? Regisseur Ladj Ly stammt selbst aus diesem Viertel und schafft es durch seine künstlerische Arbeit, die Gesetzmäßigkeiten der Pariser Banlieues zu durchbrechen. Sein Film wurde auf dem Festival de Cannes 2019 mit dem »Preis der Jury« ausgezeichnet und geht für Frankreich ins Rennen um den Oscar.

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