Kritik zu Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!

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Oskar Roehler lässt das wilde Berlin der 80er Jahre auferstehen – eine Zeitreise als derbe Phantasmagorie aus Rausch, Rumhängen, Rock 'n' Roll und haltlosem Gelächter

Bewertung: 4
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3.3 (Stimmen: 3)

Als sei der »Summer of Love« in der westdeutschen Provinz sesshaft geworden: Auf allen Gängen von Roberts Schule hängen die Hippies mit Klampfe und Joint herum, sogar im Lehrerzimmer kreist der Bong, und die linksalternativen Lehrkörper üben sich in verständnisinniger Kumpanei mit den Schülern. Nicht zum Aushalten, finden Robert (Tom Schilling) und sein schräger Kumpel Gries (Frederick Lau), die schon im Schwarz ihrer Kleidung Verachtung für Love & Peace demonstrieren. Das ferne Berlin, die Frontstadt, in der das Leben wild und billig ist, der Zufluchtsort für Künstler und Loser aller Couleur, der »Schutzraum für Verrückte« (Roehler), verheißt Rettung. Also legt sich Robert einen Irokesenschnitt zu und zieht auf die eingemauerte Insel.

Doch Berlin Anfang der 80er ist nicht nur wild, es ist auch ziemlich dreckig. Und in Tod den Hippies!! Es lebe der Punk ist es vor allem ein ins Groteske überzeichnetes Fantasiegebilde. Oskar Roehler hat es in Köln und im Ruhrgebiet nachgebaut und entwirft im willkürlich wirkenden, doch reizvollen Wechsel aus Schwarz-Weiß und Farbe das Bild eines permanenten Ausnahmezustands. Verklärend ist dieses Bild nicht. So verdingt sich Robert gleich nach seiner Ankunft als Putzmann in der Peepshow seines alten Freundes Schwarz (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) und wischt literweise Sperma von den Scheiben der Wichskabinen. Keine standesgemäße Tätigkeit für einen, der sich nicht nur als Punk, sondern auch als Künstler (noch ohne Werk) betrachtet. Der Mut, ja der unbedingte Wille zur Hässlichkeit zieht sich durch den gesamten Film – ein Grund, wa­rum sich auch an diesem Werk Roehlers die Geister scheiden werden. Wie hemmungslos hier einer Pickel und fettiges Haar, Körperflüssigkeiten und den Schmuddel heruntergekommener Wohnungen ins Bild rückt, kann man aber als Kontrapunkt zu all den aufgeräumten bürgerlichen Jugendzimmern in Film und Fernsehen durchaus goutieren.

Es gibt natürlich auch die andere, »glanzvolle« Seite: den Rausch endloser Nächte in der legendären »Risiko«-Bar, die Drogen und die Musik sowie Begegnungen mit Blixa Bargeld, Nick Cave oder auch mit Rainer Werner Fassbinder. Nicht zuletzt verheißt die Liebe zu einer amerikanischen Tänzerin aus der Peepshow (Emilia Schüle) so etwas wie Glück. Doch ein Raub, mit dem Schwarz das Startkapital für eine Dealerkarriere he­ranschaffen will, und familiäre Verstrickungen sorgen für Unbill.

In bizarren Momentaufnahmen, manche zündend, manche etwas abgeschmackt, skizziert Roehler das Leben in Berlin und Roberts orientierungsloses Treiben. Um Punk im engeren Sinne geht es dabei nicht, die Geisteshaltung zählt. Die Handlung mäandert vor sich hin wie das Leben des Protagonisten. Doch zu einem tragenden Rhythmus findet Roehler nur in wenigen Phasen, seine Erzählweise ist so quirlig wie kurzatmig.

Immerhin hat er ein Ensemble, das trägt. Die Nebenfiguren sind glänzend besetzt, Prägung erhält der Film vor allem durch Tom Schilling als Robert und Frederick Lau, der den schwulen Nazi Gries mit Gespür für Zwischentöne spielt. Einsamkeit und Verlorenheit scheinen bei den meisten Figuren auf, sogar bei den ansonsten unbarmherzig gezeichneten Eltern Roberts: Hannelore Hoger als exzentrische Schriftstellerin und Samuel Finzi als nostalgischer Exkassenwart der RAF. Die heillos um sich selbst kreisenden Mutter und Vater sind dabei Wiedergänger aus früheren Filmen Roehlers und zugleich, wie viele andere Motive auch, autobiografisch inspiriert.

Trotz aller Groteske und der Lust an der Provokation ist bei Tod den Hippies!! Es lebe der Punk ein Grundton tiefer Melancholie nie zu überhören. Die Katerstimmung, eine Ahnung existenzieller Leere, schwingt von Anfang an schon mit. Erst am Ende löst sie sich unerwartet auf, mit dem Aufbruch Roberts in eine Welt, die um einiges fremder und gleichzeitig realer ist als jenes mythische Berlin.

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