Hände weg vom »Alterswerk«

Unsere "steile These" des Monats August
Antonio Banderas in »Leid und Herrlichkeit« (2019). © Studiocanal

Antonio Banderas in »Leid und Herrlichkeit« (2019). © Studiocanal

Almodóvar erspart uns nichts. In einer Grafik, einem Schaubild zeigt er: Welche Krankheitsherde sich im Körper seines Protagonisten befinden und welche Medikamente er dafür braucht. Es kommt da einiges zusammen. Gut, jetzt verstehen wir, wieso unser Held, ein Regisseur, immer ein bisschen abwesend schaut und gerne zur Sonnenbrille greift. Schließlich hat er ja auch eine Krise oder eine innere Leere, gewissermaßen einen director’s block. Und selbst als ihm seine große Jugendliebe begegnet, ein inzwischen verheirateter Ex, der durchaus für einen Seitensprung zu haben wäre, komplimentiert er ihn melancholisch nach draußen. Nun, unser Regisseur ist gerade mal 59. Antonio ­Banderas spielt ihn mit einer grandiosen Melancholie, als so etwas wie das Alter Ego seines Regisseurs Pedro Almodóvar, zumindest hat er die gleiche Inneneinrichtung. Es heißt, »Leid und Herrlichkeit« sei so etwas wie das Alterswerk des Spaniers. Aber woher kommt es, dass in unseren Zeiten ein Alterswerk entweder Larmoyanz oder Projektion bedeutet? Nehmen Sie Woody Allen: Kommt ein neuer Professor in die Stadt, liegen ihm die Frauen gleich zu Füßen, und wenn er auch an (vorübergehender?) Impotenz leidet, gibt es doch diese verständnisvolle Studentin ...

Männer und das Altern: das ist nicht erst seit heute ein großes Problem. Sie erinnern sich vielleicht, dass Johann Wolfgang von Goethe am Ende seiner Karriere seine Erinnerungen unter dem pompösen Titel »Dichtung und Wahrheit« aufschrieb und uns in seinem »Faust«, an dem er bis kurz vor seinem Tod arbeitete, mit Allgemeinweisheiten traktierte: »Das Ewigweibliche/zieht uns hinan«. Man neigt zur Selbstbespiegelung, zum Rückblick, zur großen Geste. Aber: es gibt auch Regisseure, die haben das mit dem Alterswerk salopper gelöst. Der große Alfred Hitchcock hat sich mit einer augenzwinkernden Gaunerkomödie von der Leinwand verabschiedet – »Familiengrab« –, und der mindestens genauso große John Ford hat in seinem vorletzten Film »Cheyenne Autumn« jenen Indianern seine Reverenz erwiesen, die er in seinen Filmen oft ­genug von ihren Pferden geholt hatte.

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