Elser und die anderen

Rudolf Worschech über die einsamen Helden des historischen Films
»Elser – Er hätte die Welt verändert« (2014)

Christian Friedel als »Elser«

Nazis sieht man dauernd im deutschen Kino und Fernsehen. Ganz selten kommt der Widerstand in den Blick. Jetzt porträtiert Oliver Hirschbiegel mit Georg Elser den Mann, der Hitler im Alleingang in die Luft sprengen wollte

Als im Oktober 1982 der Film Die weiße Rose von Michael Verhoeven in die deutschen Kinos kam, entfachte er eine ziemliche Diskussion. Knapp vierzig Jahre vorher, am 22. Februar 1943, waren die Widerstandskämpfer der Weißen Rose, die Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst, nach einem Urteil des sogenannten Volksgerichtshofes unter Roland Freisler durch die Guillotine hingerichtet worden. Die Diskussion drehte sich damals weniger um filmästhetische oder inhaltliche Fragen, sondern um den Nachspann des Films, in dem es hieß: »Nach Auffassung des Bundesgerichtshofes bestehen die Urteile zu Recht. Sie gelten auch heute noch.« Das war zwar von der Tendenz richtig, formaljuristisch aber falsch, und Regisseur Michael Verhoeven, der den Sachverhalt ausführlich im Zusatzmaterial der DVD darstellt, entschloss sich zu einem differenzierteren Text. Die Widerstandskämpfer der Weißen Rose hätten nach Auffassung des BGH gegen damals geltendes Recht verstoßen, hieß es dann.

Das machte den zugrunde liegenden Sachverhalt auch nicht besser. 5000 Todesurteile hatte der Volksgerichtshof angeordnet und vollstrecken lassen, die meisten Prozesse gegen die Widerständler des 20. Juli, des Kreisauer Kreises, der Edelweißpiraten und der Roten Kapelle – sie wurden wie die Mitglieder der Weißen Rose von diesem Terrorgericht abgeurteilt. Nur gegen zwei Beteiligte wurde Anklage erhoben, der eine verstarb während des Prozesses, der andere entzog sich durch Selbstmord. Im Frühjahr 1983 übrigens untersagte das Auswärtige Amt (damaliger Außenminister der schwarzgelben Koalition: Hans-Dietrich Genscher) den Einsatz der Weißen Rose für die auswärtige Kulturpolitik, revidierte den Ukas allerdings ein Jahr später.

Vaterlandsverräter

Das sagt viel aus über die Erinnerungskultur in diesem Land, in dem der Widerstand gegen die NS-Zeit wenig Widerhall fand, und in einem medialen Umfeld, in dem das Säbelrasseln wieder zum guten Ton gehörte. Sicher, auch in den Kriegsfilmen der 50er und 60er Jahre gab es meistens einen, der so etwas wie der humanistisch gesonnene Antipode des Bösen war. Aber der junge deutsche Autorenfilm der 60er und 70er Jahre hat sich eher peripher mit der NS-Zeit beschäftigt. Obwohl seit Beginn der 50er Jahre des soldatischen Widerstands um die Verschwörer des 20. Juli gedacht wird – die Sympathien in der Bevölkerung gehörten ihnen nicht in vollem Umfang. 1954 äußerten sich in einer Meinungsumfrage unter ehemaligen Soldaten 60 Prozent negativ; noch 1963 hielt jeder vierte Bundesdeutsche die Männer des 20. Juli für Vaterlandsverräter. Noch schlechter kam die Rote Kapelle genannte Widerstandsorganisation im öffentlichen Bewusstsein weg, weil ihre Mitglieder durch die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion als Spione und Verräter galten.

Und auch um die Würdigung Georg Elsers, des Attentäters, der am 8. November 1939 Hitler und einige weitere NS-Funktionäre  im Münchner Bürgerbräukeller in die Luft sprengen wollte, stand es in der unmittelbaren Nachkriegszeit schlecht. Gerüchte kamen auf, er sei bei der SS gewesen, die Nazis selbst hätten ihn gedungen oder gar die Sowjetunion. Die übrigens zwei Tage nach dem Attentat ihre Entrüstung über den ruchlosen Anschlag der Reichsregierung gegenüber zum Ausdruck brachte. Insofern ist der auf der Berlinale uraufgeführte Film »Elser – Er hätte die Welt verändert« von Oliver Hirschbiegel, der in diesem Monat in den deutschen Kinos startet, eine späte Rehabilitierung. Fred Breinersdorfer hat zusammen mit seiner Tochter Léonie-Claire das Drehbuch geschrieben, das auf den 1964 aufgefundenen Verhörprotokollen basiert. Von Breinersdorfer stammte auch schon das Drehbuch zu »Sophie Scholl – Die letzten Tage« (2005), und beide Filme konzentrieren sich auf die Verhörsituation. Die für Georg Elser schlicht Folter bedeutet. Beide Filme blenden aber immer wieder zurück, und Hirschbiegel gelingt es ohne großes Aufhebens, auch die Motive des Attentäters mitzuliefern, wie die Braunhemden im Gasthaus immer mehr werden, wie sie eine Frau schikanieren, die mit einem Juden etwas hatte, wie seine Freunde vom roten Frontkämpferbund in einem Konzentrationslager verschwinden und einer als Flüchtling wiederauftaucht.

Es ist der ganz alltägliche Faschismus im Mikrokosmos einer Kleinstadt, der Elser zu seiner Tat trieb – und die Angst vor dem Untergang Deutschlands, das ja zwei Monate vor dem Attentat den Zweiten Weltkrieg angezettelt hatte. Ob er den Tod Unschuldiger in Kauf genommen hat, wird Elser einmal von Nebe, dem Chef des Reichskriminalamts gefragt. Anwesend waren immerhin Goebbels, Himmler, Heß, aber auch Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop. Ob Elser die Geschichte verändert hätte, wenn Hitler und seine Entourage nicht 20 Minuten vorher den Saal verlassen hätten, darf allerdings bezweifelt werden – zu fest saß das System zu diesem Zeitpunkt im Sattel.

»Elser« (2014) © NFP

Wie bei Breinersdorfer und Hirschbiegel ist auch ein Vierteljahrhundert vorher bei Klaus-Maria Brandauer der Attentäter ein Eigenbrötler und Tüftler. Warum er aber zu dem Entschluss kam, Hitler zu töten, darüber schweigt sich der Film aus. Es gibt in vielen Filmen zum Thema Widerstand so etwas wie einen natürlichen Antagonismus, eine gegebene Opposition, gegen das Geordnete, das Zackige – und Brandauer, der in seinem Regiedebüt den Attentäter selbst spielt, zelebriert sie sehr kinematografisch mit dem Gespür seines großartigen Kameramanns Lajos Koltai. Schon zu Beginn setzen Brandauer und Koltai den Akzent: Elser sitzt 1938, also vor dem Beginn des Krieges, in einem Münchner Biergarten, zusammen mit vielen. Plötzlich heulen die Sirenen für eine Luftschutzübung, und alle hasten übereilt in die Keller. Elser aber bleibt sitzen bei seinem Bier, für ihn scheinen die Sirenen nicht angegangen zu sein. Der macht nicht mit, soll das heißen.

Die Bombe in der Wand

Im Vergleich zu Hirschbiegel ist Brandauers Version geradezu mechanisch. Sie entstand nach einem Drehbuch von Stephen Sheppard, der seinen Roman »The Artisan« adaptierte, und hat mit der realen Geschichte des Georg Elser, abgesehen davon, dass er Tag und Nacht an seiner Bombe baute und heimlich im Bürgerbräukeller die Säule über dem Rednerpult aushöhlte, eigentlich wenig zu tun. Da ist viel mehr Kolportage und Melodram im Spiel: Elser verlobt sich mit der Kellnerin Anneliese, die Hitler während seiner Rede ein Glas Wasser bringen soll; es gelingt Elser aber, sie in die Schweiz ausreisen zu lassen. Elser selbst wurde, wie wir wissen, auf der Flucht in die Schweiz bei Konstanz festgenommen. Sheppard und Brandauer erfinden überdies einen Gegenspieler: den Sicherheitschef Wagner, dargestellt von Brian Dennehy, der Elser auf der Spur ist und gewissermaßen ein Opfer seiner eigenen Härte wird. Er hat seine Frau zur Abtreibung gezwungen, weil er sie einer Affäre mit einem Juden verdächtigt, muss dann aber erfahren, dass es sein eigenes Kind war.

Stunde der Generäle

Den sicherlich größten Nachhall als Widerständler im deutschen Film hat Claus Schenk Graf von Stauffenberg gefunden, der am 20. Juli eine Aktentasche mit einer Bombe im Führerhauptquartier »Wolfsschanze« platzierte. Auch die Detonation dieser Bombe hat Hitler überlebt, dennoch lösten die Verschwörer den Operationsplan »Walküre« aus, bei dem das Militär die Macht übernehmen sollte. 1955, also elf Jahre nach dem gescheiterten Attentat, kamen im Abstand von wenigen Tagen gleich zwei Filme in die Kinos, die sich um das Attentat drehten: »Der 20. Juli« mit Wolfgang Preiss als Stauffenberg und »Es geschah am 20. Juli« mit Bernhard Wicki als Attentäter. Die zwei Produktionsfirmen, Artur Brauners CCC Film in Berlin und die Münchner Ariston, lieferten sich ein regelrechtes, auch von der Presse so kommentiertes Wettrennen.

Artur Brauner hatte seit 1953 versucht, ein Geschwister-Scholl-Projekt zu realisieren, scheiterte aber an den Protesten der Hinterbliebenen. Der deutsche Film hatte keinen guten Ruf in dieser Zeit. Ein Auslöser für seine 20. Juli-Verfilmung dürften auch die Erfolge zweier Filme sein, die 1954 in die Kinos kamen und sich um militärischen Widerstand drehten. »Canaris« setzte der Figur des 1945 hingerichteten Abwehrchefs Admiral Canaris, der den Widerstand gedeckt, das Attentat auf Hitler aber abgelehnt hatte, ein Denkmal.Und in Helmut Käutners »Des Teufels General« verkörpert Curd Jürgens den General Harras als einen natürlichen Antagonisten des Nazi-Regimes: ein Draufgänger und Trinker, vorlaut (»Prost mit einem leeren Glas – der Führer ist Abstinenzler«), den Frauen heftig zugetan, ein Individualist, der sich nicht in die totalitäre Gesellschaft fügen kann, vielleicht auch nur, weil ihm Hitler zuwider ist. Er war vielleicht nicht der gute Deutsche, aber der subversive Preuße.

Curd Jürgens übrigens verkörperte solche ambivalenten Rollen auch später noch in internationalen Produktionen. »Steiner – Das Eiserne Kreuz, 2. Teil« von 1979 rechnet ihn sogar dem soldatischen Widerstand des Jahres 1944 zu: Er versucht vor dem Hintergrund des Anschlags des 20. Juli Waffenstillstandsverhandlungen mit den Amerikanern; nach dem Scheitern des Attentats erschießt er sich. Sein General Blumentritt in »Der längste Tag«, diesem fröhlichen Invasionspanoptikum, mokiert sich über die Kriegsführung des Generalstabs, der sich von den Launen des Führers abhängig macht.

Nun, Brauners 20. Juli-Version hat das Wettrennen, zumindest nach Punkten, auch gewonnen. Das Drehbuch entstand nach einem Drehbuch des Schriftstellers Günter Weisenborn, der selbst der Widerstandsgruppe Rote Kapelle angehörte; die Regie übernahm schließlich Falk Harnack, der Bruder des ermordeten Arvid Harnack und selbst von den Nazis angeklagt. Auch Fritz Lang wurde die Regie angetragen, und er urteilte hart über das Drehbuch, das ihn »allzu oft an einen Sprech-Chor mit aufgeteilten Rollen« erinnere, wie eine Broschüre des Deutschen Filminstituts – DIF, das das Brauner-Archiv verwaltet, nachweist. Nun, man kann manche Stellen in diesem Film theatralisch und thesenhaft finden – dennoch hat kein anderer Stauffenberg-Film das geistige wie personelle Umfeld der Verschwörer des 20. Juli, ihre Gegensätze wie ihre Gemeinsamkeiten so breit gefächert aufgerollt wie dieser Film (auch wenn Wolfgang Preiss die Augenklappe auf der falschen Seite trug). Sogar der Widerstand der Arbeiter spielt eine Rolle. Denn Geschichten um den ganz normalen zivilen Ungehorsam während des »Dritten Reiches« sind nach wie vor ein Desiderat, daran ändern auch Margarethe von Trottas etwas ungelenke Rosenstraße und Niko von Glasows Actionfilm »Edelweisspiraten« wenig.

In der (fiktiven) Nebenrolle des Hauptmanns Lindner, der geläutert von der Ostfront zurückkehrt, thematisiert »Der 20. Juli« sogar die Verbrechen der Wehrmacht: »Man hat Tausende ermordet«, sagt Lindner, »Kinder waren dabei und die Frauen, weil es Juden waren«. Das war mutig damals – es hat noch vierzig Jahre gebraucht bis zur Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht.

»Es geschah am 20. Juli« dagegen ist kammerspielhafter. Die Reduktion auf die Figur Stauffenbergs haben die Filme danach weitergeführt: der Fernsehfilm »Stauffenberg« (2004) von Jo Baier mit Sebastian Koch ist ein Biopic, das es leider unterlässt, nachzuforschen, wieso aus dem glühenden Hitlerverehrer ein Attentäter wurde, »Operation Walküre« (2008) mit Tom Cruise kam als actionreicher Thriller daher. Ein Unikum dagegen aus der experimentellen Zeit des Fernsehens ist das Dokumentarspiel »Operation Walküre« von Franz Peter Wirth (Regie) und Helmut Pigge (Buch). Schon der Beginn ist fulminant: eine Wochenschau vom Juli 1944, die den Staatsstreich als geglückt schildert. Joachim Fest führt, etwas bräsig, durch den Film, spricht mit Zeitzeugen, während Schauspieler die Geschehnisse nachstellen, und Joachim Hansen macht seine Sache als Stauffenberg hervorragend.

Auch in Verhoevens »Die weisse Rose« ist die Erfahrung der Verbrechen des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs einer der Beweggründe für die Aktivitäten der Studenten. In einer bewegenden Szene sehen Alex Schmorell (Oliver Siebert) und Willi Graf (Ulrich Tukur) aus einem fahrenden Zug heraus, wie Menschen zur Exekution zusammengetragen werden. Jahrelang haben Verhoeven und sein Autor Mario Krebs für den Film recherchiert, der sich bemüht, seine Akteure vom Nimbus des Schwärmerischen zu befreien und auf die Ebene des bewussten politischen Handelns zu heben. Im Mittelpunkt steht sicherlich Sophie Scholl, doch der Film bemüht sich, die Auseinandersetzungen in der Gruppe nachzuzeichnen. An manchen Stellen wirkt »Die weisse Rose« heute allzu distanziert und gewollt.

Einen emotionaleren Zugang suchte 2005 Marc Rothemund in »Sophie Scholl – Die letzten Tage«. Sophie Scholl (Julia Jentsch) sitzt im Februar 1943 im Zimmer des Gestapo-Ermittlungsbeamten Mohr, streitet alles ab und erfindet Geschichten und Ausflüchte. Es ist ein aussichtsloser Kampf. Das Duell im muffigen Zimmer des Gestapo-Mannes, hervorragend dargestellt von Alexander Held, ist das dramatische Kernstück in »Sophie Scholl – Die letzten Tage«. Und als Sophie Scholl gestanden hat, nutzt Rothemund die Situation zur Vertiefung der beiden Charaktere: Freiheit will die eine, den nationalsozialistischen Staat verteidigt der andere. Anders als »Die Weiße Rose«, der die Widerstandsgruppe breit beleuchtete, konzentriert sich Rothemund ganz auf seine Heldin. Es sind nicht die Argumente, die ihr die Sicherheit geben, es ist ihr »Gewissen« – stärker als »Die Weiße Rose« betont Rothemund auch Scholls evangelischen Hintergrund, ähnlich wie in Eric »Tills Bonhoeffer – Die letzte Stufe« (2000). Fast schon märtyrerhaft wirkt Sophie Scholl mit ihrer absoluten Hingabe an das Gewissen an einigen Stellen – eine gute und idealistische Deutsche in schlechten Zeiten.

»Elser – Er hätte die Welt verändert« startet am 9. April

... zum Interview mit Oliver Hirschbiegel

Meinung zum Thema

Kommentare

Das ist ein interessanter und wichtiger Artikel, aber ich bin immer wieder entsetzt, mit welcher Ignoranz der ostdeutsche Film gestraft wird. Hier scheint es wiedermal, als hätte es ihn und seine Auseinandersetzung mit dem Thema gar nicht gegeben.

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