Das Filmarchiv in Tokio

Als Japan das Licht des Kinos aufging
Eine Vitrine mit Anime-Figuren

© Nationale Filmarchive Japan

Die Saison für Fans des japanischen Film steht bevor – mit zwei traditionsreichen Festivals in Frankfurt und Hamburg. Aus diesem Anlass: Ein Blick auf die japanische Filmgeschichte, wie sie im Nationalen Filmarchiv in Tokio präsentiert wird

Das National Film Archive of Japan (NFAJ) hat seinen Sitz im Tokioter Viertel Kyobashi, wo es eines der modernen, stadtteilprägenden Hochhäuser in der Nähe des Hauptbahnhofs bewohnt. Neben zwei Kinos und einer Bibliothek bietet es vor allem ein Museum des japanischen Films.

Die japanisch und englisch beschilderte Dauerausstellung präsentiert auf 170 Quadratmetern die japanische Filmgeschichte bis in die 1960er Jahre. Das Foyer im siebten Stock begrüßt das Publikum mit einer Replik der berühmten Flagge aus Kurosawas »Die sieben Samurai«. In der Ausstellung nimmt sich der Regisseur bescheidener aus; die Stars der nationalen Kinematographie bekommen genau so viel Raum wie ihre ausgewählten, international weniger bekannten Kolleginnen und Kollegen.

Zunächst heißt es aber, einen Blick in die Vor- und Frühzeit des japanischen Films zu werfen. Ein hölzerner Apparat, dazu eine Trommel und eine Glocke führen in diese Ära. Kleine bunte Glasbilder, die stilistisch an populäre japanische Holzschnitte erinnern, zeigen Figuren in traditionellen Kleidern und vereinzelt Dämonenfratzen und Geister. Im Jahr 1803 setzt die Ausstellung ihren Anfangspunkt, als mit Hilfe aus Holland importierter Laternae magicae die Utsushi-e genannte Projektionskunst populär wurde. Bereits ab 1896 gelangten Kinetoskop und Kinematograph nach Japan. Die neue Technik wurde flott aufgenommen – 1903 gab es das erste feste Kino, 1908 das erste Filmstudio.

Anders als im Westen galt es nicht, den Film aus der Schmuddelecke der Schaubuden und Jahrmärkte zu zerren: Das japanische Kino verwuchs von Beginn an eng mit dem bürgerlichen Theater, in dem es häufig seine Spielstätte fand. Der älteste erhaltene japanische Film, von 1899, ist eine Adaption des Stückes »Momijigari« von circa 1500. Das sogenannte Rensageki verband Liveauftritte im Theater mit Filmszenen, die die Handlung fortführen. Aus dem Kabuki-Theater übernahm man die Praxis, Männer in Frauenrollen zu besetzen – damit einher ging der Ausschluss von Frauen und ein Verzicht auf Close-ups. Charakteristisch waren auch die Benshi, eine in Japan bis in die 1930er Jahre einflussreiche Form des Stummfilmerzählers (wer heute noch im deutschsprachigen Raum einen besonders heiteren Stummfilmerzähler erleben möchte, dem sei der Name Ralph Turnheim ans Herz gelegt).

Von diesen als spezifisch japanisch gepflegten Konventionen nahmen Puristenbewegungen Abstand. Sie forderten Realismus im Erzählen und eine Orientierung am »reifen« westlichen Kino mit seinen Zwischentiteln und der dynamischen Kamera. Ausgestellte Filmzeitschriften und Fotos internationaler Stippvisiten zeugen von der energischen weltweiten Vernetzung der cineastischen Szene.

Nachdem das – filmisch gut dokumentierte – Kanto-Erdbeben 1923 große Teile Tokios zerstört hatte, wurde die Filmindustrie durchaus im Sinne dieser Reformer wieder aufgebaut. Hier beginnt auch die Karriere des als besonders japanisch geltenden Regie­titanen Yasujiro Ozu, der sich die ersten Sporen mit Gangsterfilmen amerikanischer Couleur verdiente.

Die 1930er Jahre sahen das Ende des Stummfilms und der Benshi, dafür aber den Aufstieg neuer Stars wie Takashi Shimura und Kinuyo Tanaka, die in den 60ern selbst Regisseurin wurde, und eines vom Theater emanzipierten Kinos. Die erste japanische Regisseurin, Tazuko Sakane, begann zu drehen. Auch die Politik entdeckte den Film vermehrt für sich und verstärkte die Zensur, dämmte den Filmimport ein und unternahm Massenerziehung mittels Wochenschauen und Dokumentarfilmen auch in den von Japan im Pazifikkrieg besetzten Gebieten.

Akira Kurosawas eher zufällig in Venedig eingereichtes multiperspektivisches Historiendrama »Rashomon – Das Lustwäldchen« (1950) gewann den Goldenen Löwen und brachte das japanische Kino schlagartig ins Bewusstsein westlicher Filmbegeisterter und -schaffender. Das Interesse übertrug sich unter anderem auf die Familiendramen Ozus, die expressiven Stumm- und opulenten Historienfilme Teinosuke Kinugasas und Kenji Mizoguchis langsames Kino um unterdrückte Frauen. Eine wirklich internationale Karriere blieb dem Schauspieler Toshiro Mifune vorbehalten, sicherlich einer der expressivsten und körperlichsten Weltstars der Filmgeschichte.

1951 brachte den ersten japanischen Farbfilm »Karumen kokyo ni kaeru« (Carmen kehrt heim) via Fujicolor. Der von King Kong angeregte »Godzilla« (1954) mit Spezial­effekten von Eiji Tsubaraya war zunächst als Auseinandersetzung mit der Erfahrung der Atombomben-Katastrophe zu begreifen, begründete aber vor allem eine Tradition der effektlastigen Kaiju-Filme um einander bekämpfende Riesenmonster.

Ein eigener Abschnitt ist dem japanischen Animationsfilm gewidmet. Hier werden etwa die vielgestaltigen Experimente in Puppenspiel, Scherenschnitt und Schattenspiel beleuchtet – Vorläufer dessen, was im Westen als Anime populär wurde. Mit der Gründung des Studios Toei Doga 1956 etablierte sich der abendfüllende Animationsfilm, in den 1960ern folgten Anime-Serien. Besonders beeindruckt eine feinst gearbeitete Marionette, die der in Japan sehr populäre Heinosuke Gosho in seinem letzten Film verwendete.

Der 2011 eröffneten, von Okada Hidenori und Sazaki Yorikai konzipierten Ausstellung gelingt eine akademisch geprägte Vogelperspektive auf die Entwicklungen des japanischen Kinos mit großer Eleganz und Klarheit. Was sie dabei vernachlässigen muss, sind der Starkult und die Vielfalt der Gewerke zugunsten der Regisseure. Im Vordergrund stehen die geschickt arrangierten Exponate und ihre Kontextualisierungen. Die Strukturierung in sieben Abschnitte sowie der kompromisslose Fokus auf das Kino vor 1970 lassen nichts ausfransen, bieten aber dennoch Raum für visuelles Entzücken, Erkundung und Anknüpfung. Die Exponate reichen dabei von analog und digital vorgeführten Filmen über Plakate, Requisiten, Skizzen, Fotoalben, Manuskripte und Magazine bis hin zu schwerer Kameratechnik und Modellen. Dass es zu dieser Dauerausstellung keinen Katalog gibt, ist ein Jammer; er wäre international ein hilfreiches Übersichtswerk.

Die Ausstellung wird stetig von Filmprogrammen begleitet, etwa der Reihe »Women Who Made Japanese Cinema«, aber auch internationales Kino spielt hier immer wieder eine Rolle. Die Sonderausstellung widmete sich zuletzt dem Designer Makoto Wada, aktuell geht es um die Filmmusik der 1950er und -60er, ab Juli wird der Regisseur Tomotaka Tasaka (1902 – 1974) gewürdigt. Die auf Englisch verfügbare Website sowie der YouTube-Kanal des NFAJ stellen Hunderte historische Filmaufnahmen aus Japan zur Verfügung, jüngst entstand auch eine eigene Seite über das Verhältnis von Film und Kabuki.

Die Festivals

24. Nippon Connection in Frankfurt
28. Mai bis 6. Juni
nipponconnection.com

25. Japan-Filmfest Hamburg
19.6. bis 23.6
jffh.de

Meinung zum Thema

Kommentare

Für alle, die demnächst nicht nach Tokyo kommen:
Wenn man in Google Maps im Suchfeld exakt 国立映画アーカイブ eingibt, landet man direkt am Ort; auf der linken Seiten werden (derzeit) 666 Fotos angezeigt, u.a. die erwähnte Flagge aus "Die 7 Samurai" und der "Goldene Löwe" für "Rashomon" sowie generell diverse Exponate und zur Architektur.

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