Nahaufnahme von Jeremy Allen White
»The Social Reckoning« (2026). © CTMG Inc.
Vom wütenden Gallagher-Sohn in »Shameless« über den rastlosen Koch in »The Bear« bis zu Bruce Springsteen: Jeremy Allen White spielt Männer unter Hochdruck – und verleiht ihrer Härte eine seltene Verletzlichkeit
Jeremy Allen White ist ein Phänomen. Noch bevor er die Hauptrolle in einem Kinofilm gespielt hat, ist er zum Charakterdarsteller avanciert. Bei öffentlichen Auftritten zeigt er wenig Attitüde, bloß eine Spur introvertierter Nachdenklichkeit schwingt immer mit. Mit Lethargie ist das nicht zu verwechseln. Der nur 1,70 Meter große und – wie eine Calvin-Klein-Kampagne ostentativ demonstrierte – durchtrainierte Mittdreißiger mit Augen wie Eiskristallen kann physisch eskalieren und strahlt unterschwellig eine vibrierende Rastlosigkeit aus, die ihn anzutreiben scheint.
Die immer unter der Oberfläche brodelnde Energie machte schon seine erste Rolle als Phillip »Lip« Gallagher in der Showtime-Serie »Shameless« (2011–2021) so gut. Da war der 1991 in Brooklyn geborene und aufgewachsene White gerade 20 Jahre alt und besuchte die Professional Performing Arts School – eine Highschool mit künstlerischem Schwerpunkt in New York. Als Kind und Jugendlicher hatte er zuvor im Schultheater mitgewirkt und Gastrollen in Fernsehserien wie »Law & Order Special Victims Unit« oder Auftritte in Independent-Filmen wie »The Speed of Life« (2007) und »Afterschool« (2008) absolviert. Dieser junge, wütende Lip, zweitältester Sohn der dysfunktionalen Familie Gallagher, ist so hochintelligent und eloquent, wie er unnahbar, emotional kaputt und manchmal schlicht ein Kotzbrocken ist. Lip lässt jeden in seiner Umgebung spüren, dass er in 99 Prozent aller Situationen die klügste Person im Raum ist. Elf Staffeln lang kämpft er um und für seine Familie, ackert für den sozialen Aufstieg und dafür, nicht zu werden wie sein Vater. Seine Ängste und Selbstzweifel versteckt er hinter einer Schutzmauer aus Ironie, Sarkasmus und bisweilen brutaler Ehrlichkeit. Er denkt schnell und redet noch schneller, dabei schießt er manchmal über das Ziel hinaus. In Lips Rolle konnte man White beim Heranwachsen zusehen. »Shameless« und Mitglieder des Casts wurden mehrfach ausgezeichnet, White als Darsteller unverständlicherweise nie.
Kaum war »Shameless« 2021 abgedreht, startete 2022 die erste Staffel »The Bear«. Auf dem Papier eine Serie über einen Sandwichshop in Chicago, die ohne große Namen und Erwartungen startete. Er spielt darin den Koch Carmen »Carm« / »Carmy« Berzatto. Als Spross einer ebenfalls ziemlich dysfunktionalen italoamerikanischen Familie hat sich Carm in die weltbesten Küchen hochgeschuftet. Diese Anstrengung und was sie ihn gekostet hat, ist von der ersten Einstellung an in sein Gesicht eingeschrieben. Nach dem Suizid seines großen Bruders kehrt er nach Chicago zurück, um dessen desolates Restaurant zu übernehmen und seine Trauer mit Arbeit bis zur Erschöpfung zu kompensieren. »The Bear« ist eine der erfolgreichsten und brillantesten Serien der letzten Jahre, was Storytelling, Komplexität der Charaktere, Cast, Ästhetik und Montage betrifft. In der ersten Staffel fast ausschließlich in einer engen Küche spielend, ging die Serie bald nach dem Start durch die Decke. Nicht zuletzt durch Mundpropaganda im Internet. Praktisch über Nacht fingen die Leute auf der Straße an, White »Yes, Chef!« oder »Cousin« zuzurufen.
Alex Zaragoza, Journalistin aus L. A., twitterte im Juni 2022 zu einem Szenenfoto von White als Carmen treffend: »I'm too scared to watch »The Bear« because I'm actively in therapy to stop falling in love with men who look like this.« Es zeigt Whites Look als Carmen in seiner charakteristisch gewordenen Blue-Collar-Uniform: speckige, blaue Schürze, ein paar verstreute Tattoos, fettig-wirres Haar und ein nicht selten in die Leere starrender Blick, während sich unter dem strahlend weißen T-Shirt sein definierter Bizeps abzeichnet. Ein moderner James Dean, unnahbar und verschlossen, meist mit Kippe hinter dem Ohr oder zwischen den zitternden Fingern, verloren, voller Selbstzweifel und Ängste. Zaragozas Tweet, der mehr als 30 000 Mal gelikt wurde, bringt aber jenseits der Optik auch einen neuen Typus des modernen Mannes auf den Punkt, den White in seinen Rollen aktuell so perfekt verkörpert: eine Art sexy Posterboy für den Archetyp des hochsensiblen, leisen, aber dadurch nicht minder toxischen Mannes auf der Suche nach sich selbst. White verleiht dieser Figur durch seine darstellerische Brillanz und Bandbreite aber eine beeindruckende Verletzlichkeit und Tiefe.
Wie intuitiv sein Spiel in den leisen wie expressiven Tönen funktioniert, offenbart beispielsweise sein siebenminütiger Monolog in der finalen Folge der ersten Staffel, bei dem er auf einem Treffen der Anonymen Alkoholiker über die Beziehung zu seinem Bruder, seine Ängste und seinen Antrieb spricht. Oder wenn er als Lip in »Shameless« am hellichten Tag das Auto seines Mentors und Collegeprofessors demoliert. Anders als bei dem jungen Gary Oldman oder Al Pacino praktiziert White in solchen extrem physischen Szenen kein exaltiertes Overacting. Er will keine Bewunderung für seine Virilität, sondern nötigt die Zuschauer*innen so zur Empathie. Mit »The Bear« kamen auch die verdienten Auszeichnungen, darunter drei Golden Globes und zwei Emmys, und weitere Rollenangebote.
Whites Vater Richard und seine Mutter Eloise lernten einander selbst am Theater kennen, Leidenschaft und Wertschätzung für die Schauspielerei waren im Haus in Carroll Gardens, wo White mit seiner jüngeren Schwester aufwuchs, allgegenwärtig. Weil sich der junge White in der Schule schlecht konzentrieren konnte, ermutigten ihn seine Eltern dazu, ziemlich viele Sportarten auszuprobieren: Baseball, Lacrosse, Fußball, Wrestling. Besonders angetan war White aber vom Tanzen, was sein gutes Körpergefühl erklärt. Das dürfte ihm auch genutzt haben, als er 2023 den Wrestler Kerry von Erich in »The Iron Claw« spielte. Es geht darin um eine Familie von Profiwrestlern, die viele Schicksalsschläge verkraften muss. Was sich in der vibrierenden Rastlosigkeit von Carmen bereits andeutet, bricht sich hier völlig Bann, wenn White als »Texas Tornado« durch den Ring berserkert. White trainierte sich dafür beachtliche Muskelpakete an. Überhaupt ist er bekannt für seine akribische Rollenvorbereitung. Für »The Bear« besuchte er eine Kochschule und wurde so gut, dass er bis heute für die Feiertagsessen der Familie verantwortlich ist. Für das Biopic »Springsteen: Deliver Me from Nowhere« – seine erste Hauptrolle in einem Kinofilm – lernte er, Mundharmonika und Gitarre zu spielen, auf einer Gibson, die ihm der Boss persönlich geschenkt hatte. Im Film performt er alle Songs selbst und wirkt als verschwitzter Rockstar mit dunkel gefärbten Haaren und braunen Kontaktlinsen absolut glaubwürdig. Aber auch Springsteen spielt er in einer künstlerischen und emotionalen Midlife-Crisis als Mann, der mit einer schwierigen Beziehung zu seinem Vater hadert und herauszufinden versucht, was für ein Mann er sein will. Als er einen schicken Sportwagen Probe fährt und der Verkäufer augenzwinkernd bemerkt, »I do know who you are«, erwidert White als Bruce: »Well, that makes one of us.«
Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich seine Rollen und sein Spiel im Laufe der nächsten Jahre verändern werden. Aktuell ist er in »The Social Reckoning« als Investigativjournalist Jeff Horwitz zu sehen, der maßgeblich daran mitwirkte, Facebooks Datenleak 2021 öffentlich zu machen.
Abschließend wäre noch zu klären, was das mit den Blumen soll. Die auf Social Media kursierenden Paparazzi-Schnappschüsse von White, wie er mit auffälligen Blumengebinden regelmäßig durch die Straßen von L. A. spaziert, sorgten für Spekulationen. Eine neue Freundin? Eine florale Obsession oder gar ein kinky Fetisch? Darauf in der »Tonight Show« bei Jimmy Fallon angesprochen, erklärte White schlicht, er habe einfach gerne Blumen im Haus, kaufe diese sonntags auf dem Markt und arrangiere daraus dann mit seinen beiden Töchtern Ezer und Dolores Bouquets. Der echte Jeremy Allen White scheint im Gegensatz zu den Männern, die er so brillant verkörpert, schon herausgefunden zu haben, was für ein Typ Mann er sein will.





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